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VII. Mitteilungen an die Schüler und deren Eltern.
Um das Elternhaus mit seinen erzieherischen Anschauungen bekannt zu machen, sieht sich der Direktor veranlaßt, den an die Schüler gerichteten Teil seiner Antrittsan- sprache(siehe oben S. 19), wie folgt, hier zum Abdruck zu bringen:
So bin ich denn endlich bei euch angekommen, meine lieben jungen Freunde! Auch euch kann ich danken heute, auch euch will ich gern das meine geloben, auch euch möchte ich zunächst lieber bitten um das, möchte ich mit ebenso eindringlichen wie wohlgemeinten Worten euch ans Herz legen, was ich zum Gedeihen des großen Schulganzen nicht minder als der einzelnen Schülerpersönlichkeit für unerläßlich halte, und was ich— sollte meine Bitte nicht auf fruchtbaren Boden fallen— dann allerdings mit unerbittlicher Strenge zu fordern, mit aller mir zu Gebote stehenden Tatkraft, soweit es geht, bei euch zu erzielen gesonnen bin.
Soll ich zu Beginn alles, was mir euch gegenüber noch auf der Seele und auf der Zunge liegt, in einem einzigen Worte zusammenfassen, so wähle ich das kurze Wort, mit dem vor vielen Jahrhunderten, vor schier zwei Jahrtausenden ein hervorragender Römer seinem Volke einen nach seinem Dafürhalten allerbedeutsamsten, ja für den Römer Gefahr bergenden Zug germanischer Eigenart benannte. Ich spreche das Wort jetzt nicht zum erstenmal aus in dieser Stunde. Aber gerade euch, meine lieben Schüler, möchte ich es heute in seinem ganzen weiten Bedeutungsumfang zum Bewußtsein zu bringen suchen.— Treue— heißt das Wort; echte deutsche Treue, Treue in Gedanken, Worten und Werken, Treue in jeder Beziehung, in jeder Lage, zu jeder Stunde, Treue im Kleinen und Kleinsten wie im Großen und Größten, Treue gegen Gott, Treue gegen Kaiser und Reich, Treue gegen den Mitmenschen und Treue gegen sich selbst— sie sollte einem jeden von euch, meine jungen Freunde, mit jedem Tag, mit jeder Stunde immer mehr zur andern Natur werden.—
Und so laßt mich denn selbst zuerst hier danken, recht laut und vernehmlich danken für alle Treue, die ich schon in den Schülerkreisen der Adlerflychtschule kennen gelernt. und zum Teil an meiner eigenen Person erfahren habe. Ich weiß nicht, ob in eurer Mitte
hier noch Schüler sind, die ich selbst vor Jahren— und wäre es nur im Chorgesang gewesen— noch unterrichtet habe. Wohl kaum! Aber sicherlich hat eine große Anzahl
von euch Brüder oder doch Verwandte, die mich aus der Schulstube ganz genau kennen. Gar viele von ihnen haben Worte treuester Gesinnung an mich gerichtet, sobald sie von meiner Ernennung zum Direktor der Adlerflychtschule gehört hatten, und gerade solche nicht am wenigsten treu, mit denen ich zuweilen als ihr früherer Lehrer am allerstrengsten ins Gericht hatte gehen müssen. Sie haben gewiß meine, wenn es sein mußte, feste, ja harte Hand noch nicht vergessen, aber schon gar bald, nachdem sie der Schule entwach- sen, scheinen sie zu der gesunden Ansicht des lebenserfahrenen Antonio in Goethes Tasso emporgedrungen zu sein, daß„strafen heißt dem Jüngling wohl tun, daß der Mann uns danke“. Nicht als ob unter allen Umständen gestraft werden müßte! Das verhüte der Himmel! Aber wenn es einmal nicht anders geht, wenn die Geduld mit allen ihren guten Worten lange genug gedauert hat, dann wäre alle Halbheit geradezu eine Ver- sündigung, dann sollte es mit jener ewigen Milde und Nachsicht in der Erziehung um so cher


