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den drei Leitsternen zu folgen, die seinen Lebensweg erhellt hätten; es seien die deutsche Treue, wie sie aus den alten Heldenliedern uns entgegenleuchtet, die römische Virtus, der Mannesmut, der sich nicht beugen läßt und den auch heute der Einzelne im Lebenskampfe braucht, und die griechische Sophrosyne, die Besonnenheit, die harmo- nische Ruhe des Geistes im Glück und Unglück.— Daran schloß sich der Abschied von den Räumen, in denen die Anstalt seit dem Herbst 1878, also über 32 Jahre, ihre Heimstätte gehabt, wo sie aus bescheidenen Verhältnissen sich stetig aufwärts entwickelt hatte, bis ihr das alte Haus zu eng geworden war. Nachdem der Direktor eine kurze UÜbersicht über die Geschichte der Anstalt in den zurückliegenden 32 Jahren gegeben hatte, verlien er der Hoffnung Ausdruck, daß der gute Geist, der in dem alten Heim ge- waltet habe, auch in dem neuen sich heimisch machen möge, und schloß mit dem Wunsche, daß Gottes Segen auch weiter in dem alten Hause sich kräftig erweisen möge zu Nut⸗ und Frommen aller, die darin aus- und eingehen.
Mit einem Festkommers im großen Stadtparksaal am 19. April wurden die Einzugsfeierlichkeiten eröffnet. Der große Saal faßte kaum die Menge der Teilnehmer, die der Einladung gefolgt waren; und der glänzende Verlauf der Feier legte Zeugnis von dem Vertrauen ab, dessen sich die Friedrich-Wilhelms-Schule bei den Bewohnern der Stadt und ihrer Umgebung erfreut. Die Aufführung von„Wallensteins Lager“ durch Schüler und eine Reihe von Pyramiden, die der Gymnasial-Turnverein stellte, trugen dazu bei, die fest- liche Stimmung zu erhöhen, und knüpften das Band zwischen den alten und jungen Semestern fester.
Am 20. April— es war ein köstlicher Frühlingstag voll Sonnenschein— versam- melten sich die Festteilnehmer vor der alten Schule. Nachdem noch ein letzter Blick in die lieben vertrauten Räume geworfen, ein letztes Wort gesprochen war, bewegte sich der Festzug, die städtische Musikkapelle voraus, dann die Ehrengäste, die städtischen Körper- schaften, die Lehrerkollegien der sämtlichen Schulen, endlich die Schülerschar mit den 3 Fahnen, zum neuen Gymnasium. Nach kurzer Rast— der Schlußstein wurde eingefügt und die üblichen Hammerschläge von den dazu Berufenen vollzogen— hielt die Fest- gemeinde durch das von dem ODirektor unter Segenswünschen geöffnete Hauptportal ihren Einzug und nahm in der festlich geschmückten Aula die Sitze ein. Ein nach gemeinsamem Chorgesang von Herrn Superintendenten Hocke gesprochenes Gebet leitete die Feier ein. Darauf ergriff der Vertreter des Königlichen Provinzial-Schulkollegiums, Herr Provinzial-Schulrat Kanzow, das Wort. Ausgehend von Luthers Schrift„An die Bürgermeister und Ratsherrn deutscher Städte, daß sie christliche Schulen aufrichten sollen,“ führte er aus, daß eine der wichtigsten kulturellen Einrichtungen der Reformation die ge- lehrte Schule sei, die seit mehr als 400 Jahren auf deutschem Boden Wissenschaft, Bildung und Gesittung verbreitet habe. Dadurch hätten die deutschen Städte unendlich viel für die Gesamtheit des Volkes geleistet. Auch in Eschwege habe jener Gedanke Luthers Wurzel
geschlagen und in unseren Tagen diesen schönen Schulbau gezeitigt. Es sei der Geist, 4*


