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Dienſt des Vaterlandes geſtellt zu haben. Mit dem Ende der Truppendurchzüge hörte die Ver⸗ pflegung am Bahnhof auf.
Von den Mitgliedern des Kollegiums wurde Prof. Lorch als offizierdienſttuender Vizefeld⸗ webel eingezogen und als Bahnhofskommandant nach Lothringen beordert. Dr. Schott, der im Sanitätsdienſt ausgebildet iſt, wurde einem Militärlazarett in Sedan überwieſen, wo er in der Pflege vor allem Typhuskranker einen aufreibenden Dienſt zu leiſten hat. Probekandidat Dr. Dienſt⸗ bach trat als Unteroffizier der Reſerve unter die Fahne. Er ſtarb als Vizefeldwebel am 3. Dez. 1914 den Heldentod fürs Vaterland im Oſten. Ehre ſeinem Andenken! Dr. Becker wurde als Erſatz⸗ reſerviſt bei dem Artillerieregiment Nr. 63 eingeſtellt und ſteht in Frankreich. Probekandidat Weihl trat als Erſatzreſerviſt bei der Infanterie ein, arbeitete längere Zeit an den Befeſtigungswerken von Mainz mit und wird gegenwärtig im Sanitätsdienſt beſchäftigt. Zeichen- und Turnlehrer Willgerodt wurde als Vizeſeldwebel der Reſerve im 81. Reſ.⸗Inf.⸗Rgt. eingezogen und ſteht in Frankreich im Felde; er iſt inzwiſchen durch die Verleihung des Eiſernen Kreuzes ausgezeichnet und bald darauf zum Leutnant der Reſerve befördert worden. Lehrer a. G. Höfer wurde bis Mitte September zum Garniſondienſt nach Wetzlar einberufen.
Bald nach Beginn des Krieges wurde auch hier eine Jugendwehr von jungen Leuten im Alter von 16 Jahren an ins Leben gerufen, deren Ausbildung ſich eine Anzahl Herren widmete, die als Unteroffiziere oder Feldwebel beim Heere geſtanden hatten, unter ihnen als langjähriges Vorſtands⸗ mitglied des Kriegervereins der Gymnaſialdiener Ziegler. An der theoretiſchen Ausbildung be⸗ teiligten ſich von der Anſtalt Prof. Dr. Altenburg und Oberlehrer Bahmer. Wertvoll für eine den gegenwärtigen militäriſchen Anforderungen entſprechende Ausbildung der Jugendwehr, deren Haupt⸗ beſtandteil Seminariſten und Gymnaſiaſten bilden, war es, daß ſich einige verwundete Offiziere(zu⸗ fällig frühere Schüler unſeres Gymnaſiums) und Unteroffiziere zunächſt der Einübung der Jung⸗ mannſchaft annahmen.
Die allgemeine patriotiſche Begeiſterung, die in unſerem geſamten Vaterland ſich zeigte, ergriff auch unſere Schüler. Dreißig Primaner und Sekundaner eilten aus den Räumen der Schule zu den Fahnen; ſämtliche 20 Oberprimaner beſtanden nach und nach, je nachdem ſie im Heere oder im Sanitätskorps Aufnahme fanden, die Notreifeprüfung(ſ. S. 13). Den anderen wurde die Reife für die nächſthöhere Klaſſe zugeſprochen.
Der Unterricht mußte vom 4. bis 17. Auguſt ausfallen, zumal die meiſten Schüler infolge der durch die Truppentransporte bedingten ſtarken Einſchränkung des Eiſenbahnverkehrs die Schule nicht beſuchen konnten. Dann wurden zunächſt alle Klaſſen 4 Stunden täglich unterrichtet, endlich am 24. Auguſt der geſamte Unterricht wieder aufgenommen. Ober⸗ und Unterprima wurden zu einer Klaſſe vereinigt. Oberlehrer Dr. Heintz übernahm, von England um dieſe Zeit zurückgekehrt, wieder ſeinen Unterricht. Mit der Vertretung der eingezogenen Lehrer wurden die wiſſenſchaftl. Hilfslehrer Dr. Eugen Huth und Lothar Hoger betraut, die von da ab voll beſchäftigt waren.
Der Sedantag wurde durch eine Andacht gefeiert. Die Herbſtferien dauerten vom 29. Sept. bis 15. Oktober.
Am 8. Nov. wurden die Verwundeten der hieſigen Lazarette von dem Geſanglehrer Höfer zu einem muſikaliſchen Unterhaltungsabend in das Gymnaſium eingeladen. Der unterzeichnete Direktor hielt eine Anſprache über die Kriegslage und ſetzte die Pflichten auseinander, die alt und jung in der Kriegszeit gegen das Vaterland zu erfüllen hätten. Durch die frdl. Mitwirkung des Konzert⸗ meiſters Ferdinand Kaufmann aus Frankfurt a. M. wurde der Abend in beſonderer Weiſe verſchönt.
Die Weihnachtsferien fielen in die Zeit vom 23. Dez. bis 5. Januar. Die Feſtrede am 27. Januar, an dem die Geburtstagsfeier Seiner Majeſtät in einer dem Ernſte der Zeit an— gemeſſenen Weiſe begangen wurde, hielt der unterzeichnete Direktor. Der Direktor führte aus, was wir aus dieſem Kriege, den Gott über uns hat kommen laſſen, lernen ſollten. Er bewahrt uns bei allen ſeinen Schrecken und Greueln vor weit größerem inneren, vor weit größerem ſeeliſchen Unheil. Kopf und Herz des deutſchen Volkes waren in arge Verwirrung geraten. Zu moraliſcher Schwäche und Weichlichkeit wurde durch mancherlei Irrlehren in der langen Friedenszeit unſer Volk verleitet.


