Jahrgang 
1915
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V. Chronik des Gymnaſiums.

Das Schuljahr begann am 21. April. Mit dieſem Tage trat der neu ernannte Oberlehrer Dr. Paul Schott ſeinen Dienſt an.¹) Den Unterricht des nach England für das Sommerſemeſter zu Studienzwecken beurlaubten Oberlehrers Dr. Heintz übernahm der wiſſeenſchaftliche Hilfslehrer Dr. Otto Becker, vorher am Realprogymnaſium in Arolſen. Anſtelle des nach Wiesbaden an das Köxnigliche Realgymnaſium verſetzten wiſſenſchaftlichen Hilfslehrers Dr. Karl Heiler wurde Dr. Eugen Huth mit 7 Stunden Unterricht beauftragt. Profeſſor Wagner war wegen Krankheit von Oſtern bis Pfingſten beurlaubt und wurde durch den Kandidaten Hoger vertreten. Als Probekandidaten wurden dem Gymnaſium zugewieſen Dr. K. Emil Dienſtbach und Karl Weihl.

Am 20. Mai wurde ein Schulausflug in Geſtalt eines Kriegsſpiels nach dem Wilhelmſtein unternommen.

Die Pfingſtferien dauerten von Freitag, den 29. Mai bis zum 5. Juni. Am 2. bis 4. Juni fand in Dillenburg die 39. Jahresverſammlung des Philologenvereins von Heſſen⸗Naſſau und Waldeck ſtatt. Wir hatten die Freude, Seine Exzellenz den Herrn Oberpräſidenten Hengſtenberg und Herrn Provinzial⸗ Schulrat Kanzow als Ehrengäſte in unſerer Mitte zu ſehen. An der Verſammlung der Religions⸗ lehrer unſerer Provinz, die am 1. Juni ſtattfand, nahm zu unſerer großen Freude auch der neu ernannte Generalſuperintendent des Reg.⸗Bez. Wiesbaden, Herr Hof⸗ und Domprediger a. D. Ohly, teil, der als früherer Schüler unſeres Gymnaſiums ihm ſtets das regſte Intereſſe entgegenbringt.

Der erſte Tag der am Freitag, den 3. Juli beginnenden Sommerferien wurde zu einer ſorg⸗ ſam von dem Kandidaten Weihl vorbereiteten Winkerübung benutzt. Daran ſchloß ſich für die Teil⸗ nehmer an dieſer Uebung ein mehrtägiger Ausflug durch den Weſterwald an den Rhein und zurück nach Dillenburg ebenfalls unter Leitung des Kandidaten Weihl. Die Ferien dauerten bis zum 4. Auguſt.

Dann folgten Schlag auf Schlag die gewaltigen Ereigniſſe der Kriegszeit. Mit Beginn der Truppendurchzüge ſchuf Prof. Noll in Verbindung mit Herrn Bergſchullehrer Dr. Dönges, geſtützt auf die Mitglieder der freiwilligen Sanitätskolonne, eine Organiſation der Verpflegung der Truppen, die auf ihrem Wege nach Weſt und Oſt Dillenburg berührten. Sämtliche Lehrer der Anſtalt, die meiſten Lehrkräfte am Seminar und an der Volksſchule und eine Reihe anderer Herren aus Dillen⸗ burg traten zu einem Verpflegungsausſchuß zuſammen, der Tag und Nacht nach einem feſtgelegten Plane die Verpflegung leitete und überwachte. Die Ueberreichung von Erfriſchungsmitteln jeder Art geſchah anfangs beſonders durch Frauen und Mädchen aus der Stadt; bald aber wurde der Dienſt für dieſe zu anſtrengend, zumal die Nachtruhe dafür auch geopfert werden mußte. Man ging deshalb dazu über, den Verpflegungsdienſt in der Nachtzeit Gymnaſiaſten und Seminariſten zu übertragen. Mit von allen Seiten anerkanntem Eifer, Geſchick und Takt haben unſere Schüler, vor allem der oberen und mittleren Klaſſen, einige aber auch aus Quarta, Quinta und Sexta, ſich bei der Ver⸗ teilung von Erfriſchungen betätigt, die in reichem, ja überreichem Maße aus der Stadt und vor allem den umliegenden Ortſchaften geliefert, z. T. auch erſt am Bahnhof hergeſtellt wurden.

Es wird für die Schüler eine dauernde, erhebende Erinnerung bleiben, in der großen Zeit, die ſich durch eine Opferwilligkeit ſondergleichen auszeichnete, ſich nach dem Maße ihrer Kräfte in den

¹) Paul Schott, geb. den 22. Juni 1882 zu Frankfurt a. M., beſuchte in ſeiner Vaterſtadt das Goethegymnaſium und beſtand am 7. April 1900 die Reifeprüfung. Er ſtudierte in Bonn, München und Berlin klaſſiſche Philologie, Deutſch und Geſchichte und beſtand am 27. November 1906 die Staatsprüfung. Auf Grund ſeiner Abhandlung Posi- dippi epigrammata collecta et illustrata wurde er in Berlin am 16. Dezember 1908 zum Dr. phil. promoviert. Das Seminarjahr legte er vom 1. April 1907 an am Gymnaſium in Wiesbaden, das Probejahr vom 1. April 1908 am Wöhlerrealgymnaſium in Frankfurt a. M. ab und war dann an verſchiedenen Anſtalten der Provinz, zuletzt in Hanau, tätig.