13—
1914/15.
Perſönliches. Am 1. April 1914 wurden die Oberlehrer Gütlich und Praetorius zu Profeſſoren ernannt. Das neue Schuljahr begann am 20. April. Mit dieſem Tage trat für die noch bis Pfingſten beurlaubte Zeichenlehrerin Frl. Seyd als Vertreterin Frl. Elſe Müller von hier ein. Mit dem Schulbeginn wurden als Nachfolger des in den Ruheſtand verſetzten Profeſſors Dr. Heim, Oberlehrer Guſtav Dreſcher'), als Nachfolger des nach Baben⸗ hauſen verſetzten Lehramtsaſſeſſors Ploch Lehramtsaſſeſſor Dr. Heinrich Kiefer““*), für Dr. Hahn Lehramtsaſſeſſor Ludwig Karl Müller in den Dienſt eingewieſen. Am 7. Mai übernahm Kaplan Jakob Sieben den Unterricht des als Pfarrer nach Rüſſels⸗ heim verſetzten Kaplans Wilhelm. Freiwillig wirkten an unſerer Schule vorläufig weiter die Lehramtsaſſeſſoren Hermann Leidolf und Dr. Fritz Boller. Zur Ableiſtung ihres zweiten Vorbereitungsjahres traten am Anfang des Schuljahres die Lehramtsreferendare Dr. Otto Stotz und Werner Finkenwirth ein. Die Aſſeſſoren Dr. Kiefer und Schuchmann wurden mit Wirkung vom 29. Juli 1914 zu Oberlehrern ernannt und endgültig angeſtellt. Dr. Boller erhielt auf Pfingſten die Verwaltung einer Lehrſtelle in Rummelsburg(Pom⸗ mern), Aſſeſſor Leidolf wurde am 8. Juni 1914 für die Dauer von vier Wochen mit der Vertretung eines beurlaubten Oberlehrers an der Goethe⸗Schule zu Neu⸗Iſenburg betraut. Nach den Sommerferien ſollte er den Aſſeſſor Müller vertreten, der am 31. Juli 1914 zu einer achtwöchigen ÜUbung beim 1. Großh. Heſſ. Infanterie⸗(Leibgarde⸗)Regiment Nr. 115 einberufen war. Da brach während der Sommerferien der Krieg aus und verurſachte auch an unſerer An⸗ ſtalt mannigfache Veränderungen und Schiebungen. Stundenverteilung und Stundenplan mußten im Laufe des Schuljahres mehrmals umgeſtaltet werden.
Profeſſor Praetorius wurde nach Leipzig einberufen und war dort mehrere Monate bei der Einübung von Erſatzmannſchaften tätig. Er kam dann als Oberleutnant und Kompagnie⸗ führer im Königl. Sächſiſchen Infanterie⸗Regiment Nr. 107(9. Kompagnie) auf den Kriegs⸗ ſchauplatz in Nordfrankreich. Von dort kehrte er, mit dem Eiſernen Kreuze ausgezeichnet und am rechten Oberarm verwundet, in den Weihnachtstagen hierher zurück und fand im Lazarett des ſtädtiſchen Krankenhauſes Aufnahme. Seine Wunde iſt noch nicht völlig geheilt.
Aſſeſſor Müller wurde als Vizefeldwebel der Reſerve der 3. Kompagnie des Reſerve⸗ Infanterie⸗Regiments Nr. 116 zugeteilt und erlitt— ſoviel ſcheint ſicher zu ſein— am 28. Auguſt bei Mouzon⸗Yoncg eine ſchwere Verwundung. Um die Mitte Oktober meldeten ihn die Verluſtliſten als gefallen. Nach neueren Erkundigungen iſt er als vermißt zu betrachten. Gerne möchten wir die Hoffnung der Seinigen teilen, daß der wackere junge Amtsgenoſſe, den wir während der kurzen Zeit ſeines Wirkens an unſerer Schule ſchätzen gelernt und liebgewonnen haben, uns wieder⸗ geſchenkt werden könnte. Aſſeſſor Leidolf wurde einige Tage nach Ausbruch des Krieges als Erſatzreſerviſt einberufen und ging im Oktober 1914 nach dem weſtlichen Kriegsſchauplatz ab, wo er der 1. Kompagnie des Infanterie⸗Regiments Nr. 136 eingereiht wurde. Schon am 31. Ok⸗ tober 1914 fand er tapfer kämpfend bei einem Sturmangriff in der Nähe von Wervicg in Flan⸗ dern den Heldentod für das heißgeliebte Vaterland. Wer ihm in den letzten Tagen ſeines Hier⸗
*) Guſtap Dreſchexr, geboren am 11. Auguſt 1881 zu Armsheim in Rheinheſſen, beſuchte die Gymnaſien zu Mainz und Gießen. Oſtern 1899 bezog er die Univerſität Gießen, ſtudierte alte Phi⸗ lologie, Deutſch und Engliſch. Nach ſeinem Staatsexramen Sommer 1904 leiſtete er ſeinen Akzeß am Gymnaſium zu Gießen ab und war dann drei Jahre an der Höheren Bürgerſchule zu Neu⸗Iſenburg tätig. Oktober 1908 wurde er auf ein Jahr nach England beurlaubt. Nach ſeiner Rückkehr wurde er an der Oberrealſchule zu Darmſtadt verwendet, am 30. Oktober 1909 erfolgte ſeine Anſtellung als Ober⸗ lehrer an der Oberrealſchule Worms, doch verblieb er doche bis zum Schluß des Schuljahres an der O.⸗R. Darmſtadt. Am 20. April 1914 wurde er an die Viktoriaſchule und das Lehrerinnenſeminar zu Darmſtadt verſetzt.
**) Dr. Heinrich Kiefer iſt am 3. Oktober 1883 in Gießen geboren, beſuchte dort das Gymnaſium und ſtudierte an der Landesuniverſität germaniſche und romaniſche Philologie und lateiniſche Sprache. Einen Teil ſeiner Studienzeit verbrachte er in Frankreich. Nach beſtandener Staatsprüfung war er von Herbſt 1906 bis Oſtern 1907 Mitglied des pädagogiſchen Seminars am hie⸗ ſigen Neuen Gymnaſium und darauf bis Herbſt 1908 an der Oberrealſchule in Alsfeld verwandt. Am 1. Oktober 1908 trat er beim Heere ein, wurde aber am 24. März 1909 wieder entlaſſen. Unter⸗ deſſen hatte er im November 1908 in Gießen die philoſophiſche Doktorwürde erworben. Von Oſtern 1909 bis Oſtern 1914 fand er dann an der Oberrealſchule in Heppenheim Verwendung.


