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Perſönliches. Das Schuljahr 1912/13 begann am 15. April. An dieſem Tage wurden zwei Lehrer in den Dienſt eingewieſen: Oberlehrer Otfried Prätorius“), dem die neuerrich⸗ tete Oberlehrerſtelle übertragen worden war, und der Vertreter des Profeſſors Thylmann, Lehramtsaſſeſſor Georg Ploch. Prof. Thylmann wurde weiterhin bis zum 30. September beurlaubt und mit Wirkung vom 1. Oktober 1912 unter Anerkennung ſeiner langjährigen treuen Dienſte und Verleihung der Krone zum Ritterkreuz 1. Klaſſe des Verdienſtordens Philipps des Großmütigen auf ſein Nachſuchen in den Ruheſtand verſetzt. Die Schülerinnen verloren dadurch einen gewiſſenhaften und wohlwollenden Lehrer, die Amtsgenoſſen einen aufrichtigen und charak⸗ tervollen Mitarbeiter und bewährten Freund. Die Verwaltung der durch ſeinen Abgang erledigten Oberlehrerſtelle erhielt Lehramtsaſſeſſor Ploch.**) Zu Lehramtsaſſeſſoren wurden ernannt die Lehramtsreferendare Dr. Wilhelm Tavernier(1. April 1912), Dr. Heinrich Hahn und Dr. Adolf Handke(1. Oktober 1912). Die beiden zuletzt Genannten verblieben— zumeiſt als Volontäre— während des ganzen Schuljahres an unſerer Anſtalt.— Am 10. Oktober 1912 trat als dritter Volontär Lehramtsreferendar Fritz Ritter hinzu, der am 15. Februar 1913 wieder austrat, um eine Lehrerſtelle in Madrid zu übernehmen.— Auch in dieſem Schul⸗ jahre fanden verſchiedene Beurlaubungen ſtatt, welche Vertretungen nötig machten. Aus Geſundheitsrückſichten war Frl. Lips vom 3. Juni bis 17. Juli beurlaubt. Diefelbe mußte vom 28. Oktober bis 16. November ihren Unterricht aufgeben. Ihren engliſchen Unterricht und ihre meiſten übrigen Unterrichtsſtunden übernahm in beiden Fällen Dr. Handke. In den Weihnachtsferien warf ſie ihr Leiden wiederum aufs Krankenlager, und am 19. Januar 1913 erlöſte ſie der Tod in einem Alter von 50 Jahren von ihrem Leiden. Am Nachmittag des 22. Januar fand die Beerdigung auf dem hieſigen Friedhofe ſtatt. Die Amtsgenoſſen und ⸗genoſſinnen, ſowie zahl⸗ reiche frühere und jetzige Schülerinnen gaben der Verſchiedenen das letzte Geleit. An ihrem Grabe legte der Direktor im Namen des Lehrerkollegiums und der Schülerinnen Kränze nie⸗ der und widmete ihr einen kurzen Nachruf.„Reiche Gaben des Geiſtes und Herzens“, ſagte er,„waren ihr eigen, vor allem eine natürliche Lehrgabe, das köſtliche Erbe eines trefflichen Va⸗ ters, deſſen ich mit vielen Söhnen dieſer Stadt noch heute in Liebe und Verehrung gedenke. Durch einen langjährigen, wohlangewandten Aufenthalt in England hatte ſie ſich eine Sicherheit im Gebrauche der engliſchen Sprache und eine Kenntnis engliſchen Weſens und engliſchen Lebens erworben, wie ſie bei deutſchen Lehrern nur ſelten zu finden ſind. Dieſe reichen Kenntniſſe ihren Schülerinnen treulich zu übermitteln, an deren Bildung und Erziehung unabläſſig zu arbeiten, galt ihr als heiliger Beruf, und in dieſem Beruf ging ſie ganz auf. Wie ſie an ſich ſelbſt, an ihre Willens⸗ und Arbeitskraft die höchſten Anforderungen ſtellte, ſo verlangte ſie von ihren Zög⸗ lingen ernſte und ganze Arbeit, und es war nicht leicht, ihr Genüge zu tun. Aber alle ihre Schülerinnen fühlten's: Sie iſt uns Muſter und Vorbild! An ihrem herzlichen Wohlwollen und an ihrem gerechten Sinne beſtand kein Zweifel. Wir Lehrer und Lehrerinnen der Viktoriaſchule verlieren in ihr eine Amtsgenoſſin von ſeltener Lauterkeit des Charakters. Wenn irgend etwas die Liebe und Verehrung, die ſie in unſerem Kreiſe genoß, zu erhöhen imſtande war, ſo iſt es der hohe Opfermut, mit dem ſie ihr ſchweres Siechtum ertragen und ſich bis faſt zuletzt aufrecht ge⸗ halten hat, um ihre Pflicht zu tun.“ Mit der Verwaltung der durch den Tod der Genannten er⸗ ledigten Stelle wurde Dr. Handke beauftragt. Dr. Hahn war zur Ableiſtung einer militä⸗ riſchen Ubung vom 17. Mai bis 13. Juli beurlaubt, desgleichen Oberlehrer Prätorius vom 13. Juli bis 9. September. Die Vertretung des Letztgenannten übernahm Dr. Hahn. Real⸗
*) Otfried Praetorius(evangeliſch) iſt am 26. Februar 1878 zu Nieder⸗Gemünden ge⸗ boren, beſuchte die Gymnaſien zu Gießen und Pforzheim und ſtudierte in Straßburg, Heidelberg und Gießen Mathematik und Naturwiſſenſchaft. Nach beſtandener Staatsprüfung war er von Herbſt 1900 bis Herbſt 1901 Mitglied des pädagogiſchen Seminars am hieſigen Realgymnaſium. Hierauf leiſtete er ſeiner Militärpflicht Genüge und war von Herbſt 1902 bis Oſtern 1903 an der 2. Realſchule zu Leipzig, darauf kurze Zeit an der Realſchule in Bingen verwendet und wurde dann an die Auguſtiner⸗ ſchule in Friedberg verſetzt. Dort wurde er am 1. April 1905 als Oberlehrer angeſtellt. Oſtern 1911 wurde er an das hieſige Ludwigs⸗Georgs⸗Gymnaſium verſetzt...
**) Georg Ploch(evangeliſch) iſt geboren am 23. Juni 1886 zu Alsfeld, beſuchte die dortige Re⸗ alſchule und dann das Realgymnaſium zu Gießen, das er Oſtern 1904 mit dem Zeugnis der Reife verließ Darauf widmete er ſich an der Landesuniverſität dem Studium der neueren Sprachen und be⸗ ſtand Oſtern 1908 die Staatsprüfung. Während des Schuljahres 1908/09 war er Mitglied des pä⸗ dagogiſchen Seminars zu Oppenheim. Oſtern 1909 fand er Verwendung an der höheren Bürgerſchule in Grünberg und blieb daſelbſt bis Oſtern 1911. Während des Schuljahres 1911/12 war er nach Frank⸗ reich beurlaubt und dort an den„lycées“ zu Amiens und Tours tätig.


