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mitzuwirken. Zum Direktor der höheren Töchterſchule hier ernannt, welcher er im Jahre 1877 das Lehrerinnenſeminar angliederte, gelang es ihm in kurzer Zeit, die beſcheidene Anſtalt auf eine achtunggebietende Höhe zu bringen, er wußte durch das Gewinnende und Überzeugende ſeiner Perſönlichkeit die Lehrer und Lehrerinnen der Schule für ſeine Gedanken zu begeiſtern und fand eine verdiente Anerkennung ſeiner Beſtrebungen bei der erlauchten Schweſter unſeres Großherzogs, welche der Schule ihren Namen verlieh. Literariſch war Wulckow bereits in weiten Kreiſen vor ſeiner Berufung nach Darmſtadt bekannt, und ſeine zahlreichen Schriften über Mädchenerziehung und Berufsbildung gaben mit dazu Veranlaſſung, ihm die Umgeſtaltung der hieſigen Schule an— zuvertrauen. In ſeinem 60. Lebensjahr mußte der Verewigte zu ſeinem Leidweſen ein Nach⸗ laſſen der Arbeitskraft infolge nervöſer Überſpannung wahrnehmen, er mußte von ſeinem ihm lieb und teuer gewordenen Amt zurücktreten und lebte von da an noch über ein Jahrzehnt in reicher ſchriftſtelleriſcher Tätigkeit. Seine zahlreichen Arbeiten auf dem Gebiete der Pädagogik, Literatur und Belletriſtik ſind meiſt im Berliner Tageblatt und dem Frankfurter Journal ver⸗ öffentlicht worden. Die Laſt der Jahre machte ſich am Ende des Lebens oft drückend geltend, ſie lähmte ſeine rege Tätigkeit, wurde ihm aber durch die liebevolle Pflege der Gattin und Töch⸗ ter erleichtert, wodurch ihm eine freundlich-heitere Seelenſtimmung bis ans Ende erhalten blieb, wo ihn der Todesengel mit ſanfter Hand ins unbekannte Land geleitete.“
Am 7. März 1912 wurden wir durch den Tod eines lieben und braven Kindes, der Schülerin der Klaſſe IIIc, Erna Ziegenbruch, abermals in Trauer verſetzt.
Das Lehrerkollegium erfuhr im Schuljahre 1911/12 zahlreiche Veränderungen. Am 24. April wurde Fräulein Oktavie Reh bis zur Wiederherſtellung ihrer Geſundheit in den Ruheſtand verſetzt. An ihre Stelle trat Lehrer Adam Schäfer aus Traiſa bei Darmſtadt. Profeſſor Dr. Röll und die Lehrerinnen Frl. Marie Müller, Frl. Schleiermacher, Frl. Watzinger waren bis zum 1. Juli 1911 beurlaubt und wurden an dem genannten Tage auf ihr Nachſuchen unter Anerkennung ihrer langjährigen treuen Dienſte in den Ruheſtand verſetzt. Dem Profeſſor Dr. Röll wurde bei dieſem Anlaß die Krone zu dem Ritterkreuz I. Klaſſe des Verdienſtordens Philipps des Großmütigen verliehen. Die Anſtalt verlor in den Genannten treue, in langjähriger Arbeit bewährte Lehrkräfte, deren ſich die Lehrenden und Lernenden mit Dankbarkeit erinnern werden. Die durch das Ausſcheiden des Profeſſors Dr. Röll erledigte Stelle wurde dem Oberlehrer Wilhelm Zimmer übertragen, der bis dahin an der Ober⸗ realſchule zu Alsfeld angeſtellt geweſen war und ſeinen hieſigen Dienſt am 1. Juli 1911 antrat. Von Oſtern bis zum 1. Juli war Profeſſor Dr. Röll von dem Lehramtsaſſeſſor Hermann Schuchmann vertreten worden. Mit der Vertretung von Fräulein Marie Müller, Fräulein Schleiermacher und Fräulein Watzinger und mit der Verwaltung der durch den Abgang der Ge⸗ nannten erledigten Stellen wurden der Lehramtsreferendar Dr. Tavernier“), die Lehramts⸗ aſpirantin Gertrud Seips) und der Lehramtsaſſeſſor Paul Viel beauftragt. Sie wurden mit Ausnahme von Dr. Tavernier, der krankheitshalber ſeine hieſige Tätigkeit erſt am 8. Mai aufnehmen konnte, am 24. April in den Dienſt eingewieſen. Schon vor Beginn des Schul⸗ jahres war Lehramtsaſſeſſor Dr. Ernſt Heinemann aus dem Verbande unſerer Schule und aus dem heſſiſchen Schuldienſte ausgeſchieden, um die ihm übertragene Oberlehrerſtelle an der höheren Mädchenſchule zu Wilhelmshaven zu übernehmen. Als Erſatz wurde uns Lehramtsaſſeſſor Dr. Karl Riedel zugewieſen. Da er im Sommer zu einer militäriſchen Übung einberufen wurde, trat an ſeine Stelle am 1. Juli Lehramtsaſſeſſor Schuchmann“), und Dr. Riedel wurde
*) Dr. Wilhem Tavernier, evangeliſcher Konfeſſion, iſt geboren am 22. Oktober 1875 zu Gramzow(lUckermark), beſuchte das Königl. Franzöſiſche Gymnaſium in Berlin, ſtudierte in Berlin und Lauſanne Theologie und Philologie, beſtand 1896 die theologiſche Propoſantprüfung und erwarb 1901 in Halle die philoſophiſche Doktorwürde. Nachdem er im Bibliothekberufe und als Redaktions⸗ ſekretär am Romaniſchen Jahresbericht tätig geweſen war, beſtand er im Frühjahr 1910 in Gießen die Staatsprüfung für das höhere Lehramt und war von Oſtern 1910 ein Jahr lang Mitglied des pädagogiſchen Seminars in Oppenheim...
**) Gertrud Seip(evangeliſch) iſt am 19. Oktober 1887 zu Lampertheim geboren. Sie be⸗ ſuchte die Viktoriaſchule und das Lehrerinnenſeminar in Darmſtadt und beſtand Oſtern 1907 die Staats⸗ Prufung. Hierauf verweilte ſie zu ihrer weiteren Ausbildung in einem Penſionat zu Bern und Paris.
on Juni bis September 1908 war ſie an der höheren Bürgerſchule zu Wimpfen a. N., von Oſtern bis Herbſt 1909 an der Viktoriaſchule zu Darmſtadt verwendet. Während des Schuliahres 1910/11 hoſpitierte ſie im Zeichenunterrichte des hieſigen Neuen Gymnaſiums.
*) Hermann Schuchmann(evangeliſch) iſt am 17. Sepembert 1881 in Darmſtadt geboren, be⸗ ſuchte die hieſige Oberrealſchule, die er Oſtern 1901 mit dem Zeugnis der Reife verließ. In Darmſtadt und Gießen ſtudierte er Mathematik, Phyſik und Erdkunde und beſtand im Juli 1906 in Gießen die


