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B. Sur Geſchichte
der Dibtoriaſchule und des Lehrerinnenſeminars in den Schuljahren 1911/12 und 1912/13.
Das Schuljahr 1911/12.
Die Eröffnung der Eleonorenſchule. Bei Beginn des Schuljahres wurden dieje⸗ nigen unſerer Schülerinnen, welche in dem für die neue höhere Mädchenſchule beſtimmten Bezirk) wohnten, in beſonderen Klaſſen(Ib. IIc, IIIc. IVc, Vc. VIc. VIIc. VIIIc. IXc und Xc)**) vereinigt, damit bei Eröffnung der neuen Anſtalt, die im Herbſt erfolgen ſollte, Veränderungen im Beſtande der einzelnen Klaſſen vermieden werden könnten. Auch wurde der Unterricht in den angeführten Klaſſen faſt ausſchließlich den Lehrern und Lehrerinnen übertragen, deren Verſetzung an die neue Schule zu erwarten war. So konnte ſich die Abtrennung der 10 Jahreskurſe, welche die neue höhere Mädchenſchule bilden ſollten, von der Viktoriaſchule am Ende des Sommerhalb⸗ jahres ohne Störung vollziehen. Am 27. September um 10 Uhr vormittags verſammelten ſich das geſamte Lehrerkollegium, die in die neue höhere Mädchenſchule übertretenden Klaſſen und der Schülerinnenchor in unſerer Turnhalle zu einer kurzen Abſchiedsfeier. Der Direktor richtete an die ſcheidenden Amtsgenoſſen und Schülerinnen eine Anſprache und gab der Hoffnung Ausdruck, daß die beiden höheren Mädchenſchulen„getrennt marſchieren, aber vereint ſchlagen“ möchten. Im Namen der Scheidenden erwiderte Oberlehrer Zimmer. An der Feier, mit der am Vormittag des 12. Oktober die neue Schule als„Eleonorenſchule“ eröffnet wurde, nahmen außer dem Direktor und dem Lehrkörper auch die Chorſängerinnen der Viktoriaſchule teil. Der Unterricht wurde an dieſem Tage an unſerer Schule ausgeſetzt. Großherzogs Ge⸗ burtstag feierten wir am 25. November um 9 Uhr vormittags im engeren Kreiſe der Schule. Außerdem fanden am 24. und 25. November, nachmittags um 5 ½ Uhr öffentliche Schulfeiern ſtatt. Die Hauptnummer des Feſtprogramms bildete eine Reihe von poetiſchen Bildern aus der heſ⸗ ſiſchen Sage und Geſchichte von Angelika Schneider(LCehrerin der höheren Mädchenſchule in Offenbach), einer ehemaligen Schülerin unſerer Anſtalt. Die Feier von Kaiſers Ge⸗ burtstag begingen wir nur im Kreiſe der Schule am 27. Januar 1912 um 9 ½ Uhr vormit⸗ tags. Die Feſtrede hielt Oberlehrer Sandmann über„Flotte und Kolonien unter dem Großen Kurfürſten.“
Perſönliches. Am 31. Juli 1911 verſtarb im Alter von 79 Jahren der ehemalige Direktor unſerer Schule, Dr. Richard Wulkow. Im Namen der Anſtalt legte der jetzige Direktor bei der Beſtattung einen Kranz am Grabe des Verſtorbenen nieder. Über die Perſön⸗ lichkeit und über die Verdienſte Wulkows ſchrieb ein hieſiges Blatt Folgendes:
„Seinen Bekannten, insbeſondere den zahlreichen Schülerinnen, die mit großer Verehrung ihrem damaligen Lehrer zugetan waren, wird dieſe Todesnachricht das Bild des geiſtreichen, anregen⸗ den und liebenswürdigen Lehrers wieder lebhaft zur Erinnerung bringen und damit auch ein Stück der frohen Jugendzeit mit ihren Idealen und Hoffnungen. Der Verewigte war ein Danziger Kind und zählte ſpäter als Student der Klaſſiſchen Philologie und Literatur auf der Berliner Univerſität zu den Schülern von Moritz Haupt und A. Böchh, deren Einfluß ſeiner ganzen Geiſtes⸗ richtung einen Hauch der heiteren helleniſchen Weltanſchauung gab, die ihm bis ans Ende eigen blieb und ihm über manche ſchwere Stunde des Lebens hinaushalf. Nach 14 jähriger Lehrtätig⸗ keit am Königl. Gymnaſium zu Marienwerder, dem Realgymnaſium zu Danzig, und der dortigen höheren Mädchenſchule mit Lehrerinnenſeminar, deren Leitung ihm oblag, wurde Wulckow im Jahre 1876 nach Darmſtadt berufen, um an der Reformation des heſſiſchen Mädchenſchulweſens
*) Als Bezirk der neuen Schule wurde der nördlich der Rheinſtraße, Alexander⸗ und Dieburger⸗ Straße gelegene Stadtteil angenommen. Aus dem zwiſchen Rheinſtraße einerſeits und Eliſabethen⸗ und Ernſt⸗Ludwigs⸗Straße andererſeits gelegenen Stadtteil wurden die Schülerinnen unter beide Anſtalten ſo verteilt, daß ſich kein auffallendes Mißverhältnis der Schülerinnenzahlen der entſprechenden Klaſſen ergab. Berechtigte Wünſche wurden nach Möglichkeit berückſichtigt. Die auswärtigen Schülerinnen wurden mit Ausnahme derjenigen, die an der Roſenhöhe ausſteigen, dem Nordbezirk zugeteilt.
**) Die Klaſſen VIl'c— Xcverblieben bis Herbſt 1911 im Gebäude des ehemaligen Inſtituts Reineck(Zimmerſtraße).


