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Durch Allerhöchſte Entſchließung vom 12. Juni 1909 wurde der Direktor der höheren Mädchen⸗ ſchule in Offenbach a. M., Dr. Eduard Otto*), zum Leiter der Viktoriaſchule und des Lehrer⸗ innenſeminars ernannt. Seine feierliche Einweiſung in ſein neues Amt erfolgte am Vormittag des 16. Junikum 11 Uhr in der Feſthalle der Anſtalt durch Herrn Geheimerat Dr. Eiſenhuth. Dieſer gedachte in ſeiner Eröffnungsanſprache auch der Verdienſte Landmanns und Mornewegs mit warmer Anerkennung und widmete den ſeitherigen Stellvertretern des verſtorbenen Leiters, den Herren Profeſſoren Dr. Röll und Thylmann, Worte wohlverdienten Dankes. Den neuen Direktor begrüßten im Namen der Stadt und des Kuratoriums Herr Bürgermeiſter Dr. Gläſſing, im Namen des Lehrkörpers Herr Prof. Dr. Röll.
Außer den genannten Feiern fanden noch drei feſtliche Veranſtaltungen ſtatt. Am 30. April 1909 wurde der Tag der Silberhochzeit unſerer hohen Patronin, Ihrer Großherzog⸗ lichen Hoheit derz Prinzeſſin Viktoria von Battenberg, feſtlich begangen. Die Rede hielt Herr Prof. Dr. Röll. Den Schillergedenktag feierten wir am Vormittag des 10. November 1909 durch die abermalige Aufführung des„Liedes von der Glocke“ in der Vertonung von A. Brede. Ein von dem Direktor Dr. Otto verfaßter Weiheſpruch leitete die Feier ein. Am Geburtstage unſeres Großherzogs gab der Feſtredner, Herr Oberlehrer Gütlich, ein feſſelndes Kultur⸗ bild aus Heſſens Vergangenheit, das den„Landgrafen Ludwig VIII. als Jäger“ zum Mittel⸗ didie hatte. Kaiſers Geburtstag feierten wir durch einen Feſtakt mit Deklamationen und
eſängen.
Die Geſundheitsverhältniſſe des Lehrkörpers ließen manches zu wünſchen übrig. Zur Wiederherſtellung ihrer Geſundheit waren beurlaubt: Frl. Reh vom Beginn des Schuljahres bis zu den Sommerferien, Frl. Dittmar vom Beginn des Schuljahres bis zum 29. Mai, Herr Aſſeſſor Mangold vom 14. Juni bis zu den Sommerferien, Frl. von Zedlitz vom 1. September 1909 bis zum Ende des Schuljahres(19. März). Vertreten wurde Frl. Reh durch die Lehramts⸗ aſpirantin Frl. Gertrud Seip, Frl. Dittmar durch die Lehramtsaſpirantin Frl. Wilhelmine Nau, Herr Aſſeſſor Mangold durch die Lehramtsaſpirantin Frl. Marie Frölich, Frl. von Zedlitz durch Frl. Wilhelmine Nau. Frl. Frölich übernahm auch einen Teil des Unter⸗ richts von Frl. Nick, die vom 12. bis 28. Auguſt zum Zwecke der Teilnahme an einem Ferien⸗ kurſe in Lauſanne beurlaubt war. Krankheitshalber fehlten: Frl. Dornbuſch vom 14.—25. Oktober, Frl. Reh vom 6.—20. November. Frl. Rohde mußte wegen ſchwerer Erkrankung ihrer Mutter vom 10. Oktober bis zum 20. November den Unterricht ausſetzen und wurde während dieſer Zeit durch die Lehramtsaſpirantin Frl. Hedwig Schott vertreten. Der Geſundheitszuſtand der Schülerinnen darf als befriedigend bezeichnet werden. Am 6. Oktober wurde uns zu unſerm Schmerze die Schülerin Johanna Bauer, am 24. November 1909 die Schülerin Florentine Beck durch den Tod entriſſen.
Bald nach Neujahr 1910 traten als Volontäre die Herrn Lehramtsaſſeſſoren Moritz Henninger und Dr. Karl Riedel ein, jener am 6., dieſer am 13. Januar. Herr Henninger ſchied am Ende des Schuljahrs aus dem Verband unſerer Schule wieder aus, um eine Stelle an der höheren Mädchenſchule in Naumburg anzutreten. Frl. Helene Rohde wurde am 1. No⸗ vember 1910 endgültig angeſtellt. Aus Anlaß des Calvinjubiläums(10. Juli 1909) erhielt Herrn Oberlehrer Lic. Herrmann von der theologiſchen Fakultät der Univerſität Gießen die Ehren⸗ doktorwürde.
Am 27. April, am 7. und 9. September und am 30. November 1909 beehrte Herr Ge⸗ heimerat Dr. Eiſenhuth die Schule mit ſeinem Beſuche und wohnte dem Unterrichte in verſchie⸗ denen Klaſſen bei.
*) Dr. phil. GEduard Otto iſt geboren am 4. Juli 1862 zu Rüddingshauſen in Oberheſſen, beſuchte die Volksſchule zu Großenlinden, dann das Gymnaſium in Gießen und das Ludwig⸗Georgs⸗Gymnaſium in Darmſtadt, das er im Herbſte 1880 mit dem Zeugnis der Reife verließ. Nachdem er zunächſt im 1. Großh. Infanterie⸗ (Leibgarde)⸗Regiment Nr. 115 ſeiner Militärpflicht Genüge geleiſtet hatte, ſtudierte er in Berlin und Gießen Geſchichte, deutſche, franzöſiſche und engliſche Sprachwiſſenſchaft und Erdkunde und beſtand am 6. Juni 1886 die Staatsprüfung. Seinen Vorbereitungsdienſt vollendete er am Ludwig⸗Georgs⸗Gymnaſium zu Darmſtadt und wurde 1887 an dieſer Anſtalt als Hilfsturnlehrer verwendet. Oſtern 1888 wurde ihm die proviſoriſche Verwaltung einer Lehrerſtelle an der erweiterten Volksſchule(ſpäteren Realſchule) in Butzbach übertragen. Seit dem 1. Oktober 1890 war er wiederum am Ludwig⸗Georgs⸗Gymnaſium in Darmſtadt als proviſoriſcher Lehrer tätig. Durch Allerhöchſtes Dekret vom 9. Juni 1891 wurde er an der genannten Anſtalt endgültig angeſtellt. Die Doktor⸗ würde erwarb er bei der philoſophiſchen Fakultät der Landesuniverſität im Jahre 1893. Infolge Allerhöchſter Entſchließung vom 15. September 1897 wurde er zum Direktor der höheren Mädchenſchule in Offenbach a. M. ernannt und verblieb in dieſem Amte vom 1. Oktober 1897 bis zum 15. Juni 1909. Am 25. November 1907 wurde ihm von Sr. Königlichen Hoheit dem Großherzog Ernſt Ludwig das Ritterkreuz I. Kl. des Verdienſtordens Philipps des Großmütigen verliehen.


