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alle Berechtigungen, die in beiden Bundesſtaaten übereinſtimmend dem Reifezeugniſſe der be⸗ treffenden Schulgattung verliehen ſind. Werden in den Bundesſtaaten betreffs des Berechtigungs⸗ nachweiſes verſchiedene Forderungen geſtellt, ſo iſt die Gewährung der weitergehenden Be⸗ rechtigung von der Entſchließung der Regierung desjenigen Bundesſtaates abhängig, in dem das Reifezeugnis als Berechtigungsnachweis vorgelegt wird.(Vereinbarungen vom 22. Okt. 1909, Heſſ. Amtsbl. vom 20. Nov. 1909.)
2. Die Reife für Unterprima berechtigt a) zur Aufnahme in den Reichsbankdienſt, b) zum Eintritt als Apothekerlehrling und zur Zulaſſung zur Prüfung als Apotheker(Ergänzungs⸗ prüfung in Latein für Oberſekunda eines Realgymnaſiums).
B. Zur Geſchichte der Viktoriaſchule, des Lehrerinnenſeminars und des ehemaligen Inſtituts Reineck in den Schuljahren 1909/10 und 1910/11.
Schuljahr 1909/10.
Das Schuljahr begann am Montag, dem 19. April 1909. Den durch Krankheit an der Wiederaufnahme ſeiner Amtstätigkeit noch immer verhinderten Direktor der Anſtalt, Herrn Geh. Schulrat Dr. Landmann, vertraten in der Leitung die Herren Profeſſoren Dr. Röll und Thylmann. Die Hoffnung, daß Herr Direktor Dr. Landmann im Laufe des Sommers auf ſeinen Poſten zrrückkehren würde, ſollte ſich leider nicht erfüllen. Am 28. Mai 1909 erlag er in Weggis im Alter von 53 Jahren ſeinem ſchweren Leiden. Seit Frühjahr 1895 hatte Dr. Friedrich Landmann die jetzige Viktoriaſchule und das Lehrerinnenſeminar mit Geſchick und Um⸗ ſicht geleitet. Unter ſeiner Direktion erfolgte am 15. November 1898 die Überſiedelung der Schule in das neue Schulgebäude, und damit begann für ſie eine Zeit ungeahnten Aufſchwungs, einer raſchen Erhöhung ihrer Schülerinnenzahl, welche die Errichtung zahlreicher neuer Klaſſen in Seminar und Schule nötig machte, die Beſchaffung neuer Räume erheiſchte und an die Kraft und Geduld des Leiters die höchſten Anforderungen ſtellte. Mit nie erlahmendem Pflichteifer, mit treueſter Hingebung an ſeinen ſchönen, aber ſchweren Beruf hat Landmann das Steuer der Anſtalt geführt, für ihre gedeihliche Weiterentwicklung geſorgt, gewacht, gearbeitet, auch dann noch, als ſich die Anzeichen tückiſcher Krankheit einſtellten, bis er unter der Laſt der Mühſal und des Leidens zuſammenbrach. Wer ſich ſein Bild vergegenwärtigt, gedenkt unwillkürlich der ſchönen Verheißung:„Sei getreu bis in den Tod, ſo will ich dir die Krone des Lebens geben.“ Die Erinnerung an das Wirken des wackeren Mannes bleibt mit der Erinnerung an die Blütezeit ſeiner geliebten Schule für immer verknüpft.— Bei der Beiſetzung, die am 5. Juni 1909 auf dem alten Friedhof in Gießen ſtattfand, war das Lehrerkollegium durch eine Abordnung ver⸗ treten. Die Grabrede hielt Herr Oberlehrer Lic. Herrmann im Anſchluß an das dem Heim⸗ gegangenen teure Wort: Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn; er wird's wohl⸗ machen(Pſ. 37, 5). Im Namen des Kollegiums und der Schülerinnen legte Herr Profeſſor Thylmann, im Namen des Kuratoriums Herr Geh. Schulrat Dr. Mangold unter herzlichen Worten der Dankbarkeit Kränze nieder. Eine erhebende Trauerfeier vereinigte am Vormittag des 8. Juni die Lehrenden und die Schülerinnen des Seminars und der oberen Schulklaſſen in unſerer Feſthalle. Herr Oberlehrer Kunkel widmete in ſeiner Gedächtnisrede dem Verſtorbenen warm empfundene Worte dankbaren Angedenkens und herzlicher Anerkennung. Schon am Tage nach dieſer Feier wurde die Schule durch eine neue Trauerbotſchaft ſchmerzlich betroffen. Am 9. Juni 1909 ſtarb Herr Oberbürgermeiſter Morneweg, der als Vorſitzender des Kuratoriums unſerer Anſtalt ihr Gedeihen mit vollem Verſtändnis und dauerndem Wohlwollen gefördert und ſich hierdurch auf unſere Dankbarkeit gerechten Anſpruch erworben hat. Als Zeichen der Verehrung legte Herr Prof. Dr. Röll im Namen des Lehrkörpers einen Kranz an dem Grabe des allzu früh Verſtorbenen nieder.
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