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der Großherzog hatte die Gnade, Herrn Professor Keil am 25. November 1902 das Ritterkreuz 1. Klasse des Philippsordens zu verleihen, eine Ehre, zu der wir alle dem hochverehrten Senior unseres Kollegiums von Herzen Glück wünschten.
Zu Kaisers Geburtstag hatten die Schülerinnen der Klassen I—III die Freude,„des Kaisers Ahnfrau“(Kurfürstin Luise) von Siedler-Bohm zur Aufführung bringen zu dürfen. Frl. Elfriede Koch und Frl. Johanna Günther hatten die Soli übernommen, Frl. Petr die Klavierbegleitung. Die einfachen Deklamationen(Schülerinnen der Klassen I—V) und die wechselvollen Chöre und Soli kamen voll und ganz zur Geltung. Da wir leider wegen Platzmangels(es konnten an der Aufführung selbst am 27. Januar nur die Klassen I—VI teilnehmen) die Angehörigen aller Schülerinnen nicht einladen konnten, hielten wir am 26. Januar eine Hauptprobe ab, zu der wir etwa 300 Karten an die Angehörigen der Mitwirkenden und die der Schülerinnen des Seminars ausgegeben hatten, ein Ausweg, den wir in Zukunft beibehalten werden.
Die schriftliche Prüfung der Anwärterinnen für das Lehramt an höheren Mädchen- schulen, zu der sich die 16 Schülerinnen der 1. Seminarklasse gemeldet, fand vom 2.— 5. Februar in der Viktoriaschule statt. Die Lehrproben wurden am 17. Februar abgenommen, die Prüfungen im Zeichnen und Turnen am 21. Februar abgehalten, dieselben zeigten, dass die Ausbildung in diesen Fächern eine sehr gute und sorgfältige war. Die Ausbildung im Wandtafelzeichnen, auf die wir ein ganz besonderes Gewicht legen, da sie für die zukünftige Lehrerin von grõßter Wichtigkeit ist, erstreckt sich auf alle Gegenstände des Unterrichts, nicht nur auf den Anschauungsunterricht der Unterklassen; sie wird für die Unterrichtserfolge der ausgebildeten Lehrerinnen ihre guten Früchte tragen, besonders in der Naturgeschichte und Geographie.
Die Damen der Seminarklassen 1 und 2, die bei uns je 2 Stunden wochentlich Unterrichtsübungen haben, hatten etwa 140 Mal Gelegenheit, dem Klassenunterricht in Unter- und Mittelklassen beizuwohnen und unter kundiger Anleitung 50 Mal selbst den Klassenunterricht zu erteilen, eine UÜbung, die vollkommen ausreicht, als Grundlage für die praktische Ausbildung zu dienen. Eine weitere Ausdehnung dieser UÜbungen würde, unserer Ansicht nach, den Fortschritten der Schülerinnen in den UÜbungsklassen nicht förderlich sein, aber auch eine UÜberbürdung der Damen selbst herbeiführen und zwar auf Kosten ihrer eigenen wissenschaftlichen Ausbildung, eine UÜberbürdung, gegen die man bei der Menge und dem Vielerlei der übrigen Prüfungsfächer vorsichtig sein muß.
Zum Schlusse werfen wir einen kurzen Rückblick auf die Entwicklung unserer Schule und des Lehrerinnenseminars in dem letzten Viertel des verflossenen Jahrhunderts. Wie schon anderwärts erwähnt, blickte die Schule im Jahre 1883 auf ihr 100 jähriges Bestehen als städtische Mädchenschule zurück, und im Jahre 1870 hätte sie ihr 50jähriges Jubiläum als höhere Mädchenschule feiern können; so sind es im Jahre 1902 25 Jahre gewesen, dab sie als vollentwickelte rostufige Anstalt ausgebaut wurde. Wenn sie schon damals eine stattliche große Schule genannt werden konnte, so hat sie seitdem von allen höheren Mädchenschulen des Landes die größbte Ausdehnung aufzuweisen und bei dieser Ausdehnung das schönste Schulhaus erhalten. UÜber das Wachstum unserer höheren Mädchenschulen in den letzten 10 Jahren mõgen die auf Seite 8 folgenden Zahlen berichten, die wir dem soeben erschienenen statistischen Handbuch für das Großbherzogtum Hessen entnehmen. Das glänzende Beispiel, welches die Stadt Darmstadt mit dem Herbst 1808 eingeweihten Neubau gegeben, wird in den übrigen Städten, namentlich Gießen, Worms und Mainz, wo man sich jetzt schon anschickt, neue Schulbauten auszu- führen, nachgeahmt, sodaß unser Neubau über die Stadt, ja man darf sagen über das Land hinaus, mustergültig gewirkt hat und noch wirkt.
Wenn wir einen Vergleich ziehen zwischen den Jahren 1877/78 und 1902/03, so wird uns das auffällige Wachstum besonders deutlich. Als Ostern 1877 das Seminar unter der sach- kundigen, zielbewußten Leitung des Herrn Direktors Dr. Wulckow eröffnet wurde, zeigte es im Laufe des Schuljahres 1877/78 41 Schülerinnen in einer Klasse neben 341 Schülerinnen der 1ostufigen höheren Mädchenschule in 12 Klassen, in welchen zusammen 18 Lehrer und Lehrerinnen unterrichteten, von welchen gegenwärtig noch 3 Lehrer und 3 Lehrerinnen an der Schule tätig sind. Heute zählt das Seminar in 3 Klassen 68 Schülerinnen neben 751 Schülerinnen der Viktoriaschule, welche alle zusammen in 25 Klassen von 38 Lehr- kräften unterrichtet werden. Dabei ist das Jahr 1902/03 noch von besonderer Bedeutung für die Lehrerinnenbildung im Großherzogtum dadurch, daß in ihm das zweite Lehrerinnen- seminar in Mainz seine ersten Schülerinnen entläßßt, außerdem ist es das Gründungsjahr


