Jahrgang 
1899
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die man an die Frauenbildung stellte. Erst im Jahre 1783 wird die erste Stadtmädchen- schule, aus der sich die Viktoriaschule nach und nach entwickelte, eingerichtet. Diese Schule besuchten Kinder vom siebenten bis vierzehnten Lebensjahre, der Schulsaal befand sich im alten Schlachthaus.

Im Jahre 1829 wird diese mittlerweile ins KvRTTzsche Stift verlegte und eine andere nebenher entstandene Mädchenschule im Maàvschen Stift ausdrücklich als höhere Mädchenschule für die Kinder besserer Familien bestimmt und das Französische erscheint als Lehrgegenstand; doch bestehen aufberdem nicht weniger als zwölf Privatmädchenschulen und eine großbe Anzahl soge- nannter Strickschulen, in welchen auch Lesen, Rechnen und Schreiben dürftig genug gelehrt wurde. Mit der zunehmenden Bevölkerung Darmstadts wächst auch die Zahl der höheren Mädchen- schulklassen. Im Jahre 1861 haben wir sieben; das Englische tritt unter die Unterrichtsfächer ein, nachdem schon 1851 das Mädchenturnen durch ADoLE SPIERSs eingeführt worden war. Im An- fang der siebziger Jahre finden wir acht Schulklassen und zwei sogenannte Fortbildungsklassen, aus denen dann im Jahre 1876 die vollentwickelte höhere Mädchenschule mit zehn aufsteigenden Jahreskursen gebildet werden konnte. Im Jahre 1877 wurde die Altersgrenze durch Einrich- tung des zweijährigen Seminars vom sechzehnten bis auf das achtzehnte Lebensjahr hinauf- geschoben, die Schule weist bald Doppelklassen auf; 1897 wurde in dem Seminar ein weiteres Umcerrichtsjahr aufgesetzt, so daß wir gegenwärtig ein dreijähriges Lehrerinnenseminar und eine zehnklassige höhere Mädchenschule mit Doppelklassen vonVII haben, die Vorschul- klassen X, IX, VIII werden voraussichtlich auch bald geteilt werden müssen. Im ganzen zählen Schule und Seminar 20 Klassen mit 620*) Schülerinnen.

Das, was nun stetig zugenommen hat und was aller Wahrscheinlichkeit nach weiter zu- nehmen wird, ist:

I. die Zahl der Klassen, für die der Neubau 23 Klassenzimmer enthält;

2. die Zahl der Schülerinnen, von denen der Neubau etwa Hoo aufzunehmen im-

stande ist;

3. die Zahl der Damen im Lehrerkollegium;

4. die Unterrichtszeit, welche von ursprünglich 7 Jahren auf 13 Jahre gestiegen ist, so daß die Mädchen die Schule im 17. Lebensjahre verlassen und die Damen die Prüfung für das höhere Lehrfach meist im 20. Lebensjahre ablegen.

Es ist nun nicht der allergeringste Grund zu der Annahme vorhanden, daß wir mit dem Jahre 1898 etwa am Endziel der Entwickelung der Viktoriaschule und des Lehrerinnenseminars angelangt seien. Aus der stetigen Zunahme der eben angeführten vier Punkte werden wir uns das Zukunftsbild der beiden Anstalten etwa für das Jahr 1930 folgendermaßen zusammensetzen können: Die Zahl der Schülerinnen wird ihr Maximum von 900 erreicht haben und die Gründung einer zweiten höberen Mädchenschule, vielleicht im Norden der Stadt, wird sich als notwendig erweisen.

Ob die Zahl der Damen im Lehrerkollegium noch weiter so schnell gewachsen sein wird, daßd dann vielleicht nur Damen lehren und dirigieren, wage ich nicht zu behaupten, aber zunehmen wird sicherlich die Zahl der weiblichen Lehrkräfte. Es ist ferner kein Grund vorhanden anzunehmen, daß der Bildungstrieb der Damen sich nicht weiter erhöhe; so wird ganz sicher die Altersgrenze nicht im Seminar, sondern vielleicht in einer auf das Seminar aufgebauten anderen Lehranstalt nennen wir sie einmal kühn Viktoria-Universität bis zum 24. Lebensjahre und weiter hinausgerückt sein. Es ist um so weniger Grund vorhanden, dies weitere Hinausrücken zu bezweifeln, als gegenwärtig schon an einer ganzen Reihe deutscher Hochschulen ich nenne nur Jena, Göttingen, Marburg, Bonn und Greifs- wald besondere sehr zahlreich besuchte Kurse für Lehrerinnen abgehalten werden. Die Zahl der Damen, welche außöerdem deutsche Universitäten gegenwärtig besuchen, beläuft sich auf etwa 300.

Die Gründungen und Gründungsversuche von Anstalten, die über das Ziel unserer Schule und unseres Seminars hinausgehen, ist schon jetzt eine beträchtliche. Daß wir der Gründung von humanistischen Mädchengymnasien sehr kühl und abwartend gegenüberstehen,

*) Die Gesamtzahl betrug im Jahre 1898/99 659.

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