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bestellt ist. Fast alle unsere Unterrichtsräume lagen nach der Straße zu, und geräuschvolle Betriebe sorgten dafür, daß der Unterricht auch in den wenigen nach hinten geſegenen Sälen ununterbrochen gestört wurde. So wie es dort mit Luft und Ruhe bestellt war, sah es auch mit den Lichtverhältnissen aus, nicht etwa, daß wir kein Licht gehabt hätten, nein, wir litten unter einem Oberfluß desselben. Alle Unterrichtsräume lagen mit den Fenstern nach Süden und Westen, und alle unsere Versuche, die grelle, brennende Sonnenglut zu dämpfen, scheiterten an dieser unglücklichen Lage. Ebenso bekannt dürſte es Ihnen allen sein, daß über 150 Kinder schon seit Jahren gar nicht mehr in der Viktoriaschule selbst unterrichtet, werden konnten, sondern in einem Hinterhause in der Waldstraße untergebracht waren. In dem Schulgebäude war der Raum so übersetzt und überfüllt, daß alle Sammlungen in den Klassen- zimmern selbst aufgestellt waren. Sie werden es deshalb wohl' verstehen, wenn wir an dem heutigen Tage nicht den Ton der Sentimentalität und der Wehmut anschlagen, sondern daß wir uns immer wieder innerlich jubelnd und dankbar zurufen: Endlich, endlich ist der langersehnte Augenblick gekommen, wo das, was schon vor zwölf Jahren von dem damaligen Direktor als dringend notwendig gefordert wurde, vollendet und vollkommen vor unseren Augen steht!
Bevor ich nun dankend aller derjenigen gedenke, welche ihre Kräſte für das Gelingen dieses prächtigen Neubaues eingesetat haben, darf ich wohl kurz auf einige Punkte hinweisen, durch welche sich der Neubau der Viktoriaschule von dem alten Schulhause nicht allein, sondern von den meisten Schulbauten älteren Datums unterscheidet. In erster Linie fällt uns da die strenge Durchführung des Grundsatzes auf: Kein Lehrzimmer nach der Straße und alle Schulsäle möglichst nach Norden zu legen. Hierdurch werden wir die denkbar günstigsten Lichtverhältnisse erhalten und, was noch weit höher anzuschlagen ist, eine ideale Stille und Ungestörtheit, die grell absticht gegen den Kampf mit Straßenlärm und Wagen— gerassel, den wir bisher vergeblich führen muſöten. Das zweite, was den Neubau auszeichnet, sind die reichlich bemessenen Raumverhältnisse und zwar nicht nur der eigentlichen Umerrichtsräume, sondern der Treppen, Gänge und Wandelhallen. Wir wollen nicht be- haupten, daß unsere 620 Schülerinnen sich in den geräumigen Säulenhallen verlieren werden, aber das dürfen wir wohl sagen, daßs die Schülerinnenzahl eine Steigerung um 300 verträgt, ohne daß das in den meisten Schulen bei schlechtem Wetter auf den Gängen eintretende Gewühl und Gedränge sich einstellen dürſte. Wir haben nicht allein Stille und Ruhe und das denkbar günstigste Licht, wir haben vor allem reichlich Platz und damit reichlich Luſt, abgeschen davon, dab die Höhenlage am Heerdweg schon an und für sich günstige gesunde Luftverhältnisse bedingt. Diese reichliche Bemessung des Raumes wäre im Innern der Stadt wegen der hohen Werte der Bauplätze ganz ausgeschlossen gewesen, einen solchen weiten Spielplatz, der eine vollständige Lawn-Tennis-Anlage und einen ziemlich grobden botanischen Schulgarten umfaſöt, hätte uns die Lage der Schule im Mittelpunkte der Stadt nie gewähren können. Dieselbe reichliche Bemessung des Raumes ermöglichte im Innern die Anlage von besonderen Lehrsälen nicht allein für Physik und Chemie, Singen, Turnen und Zeichnen, sondern auch solcher für Naturgeschichte und Handarbeiten. Doch will ich mich hier nicht auf eine eingehende Erklärung der inneren Einrichtung des Hauses einlassen, ich hoffe, dieselbe wird bei der Besichtigung Ihren Beifall finden. Ich will nur erwähnen, daſ alle Räume durch eine Centralniederdruckdampfheizung erwärmt werden, mit Ausnahme der Turnhalle, für die Gasheizung vorgesehen ist, und daß das Haus elektrisches Licht erhalten hat. Soviel dürfen wir jetzt schon, bevor sich die inneren Einrichtungen in allen Einzelheiten praktisch bewährt haben, sagen, daß der Neubau der Viktoriaschule eine hervorragende Stelle unter den Schulneubauten im Deutschen Reiche einnimmt.
Es dürfte nun heute wohl am Platze sein, einen Rückblick auf die Entwickelung der Viktoriaschule und des Lehrerinnenseminars zu werfen. Ich darf mich jedoch woli ganz kurz fassen, da unsere Festschrift über diesen Punkt ausführlicher handeln konnte. Ich greife nur diejenigen Punkte heraus, die uns zu gleicher Zeit sichere Schlüsse auf die Zukunft der beiden Anstalten eröffnen.
Bis zum Jahre 1783, wo Darmstadt eine Bevölkerung von 9000 Einwohnern hatte, gab es in der Stadt überhaupt keine öffentlichen Schulen für Mädchen. Priyvatinstitute, die Geistlichen, Winkelschulen und Strickschulen sorgten für die Befriedigung der sehr bescheidenen Ansprüche,


