Jahrgang 
1914
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29.

Deklamation(Otto Hammann, Ib 2): In Rußland hub des Korſen Unglück an. Gar manchem wich das Bild nicht aus den Sinnen, Als Glanz und Pracht Europas Rieſenheere In langem Zug durch Dorf und Stadt geführt. Wer konnts vergeſſen, der die letzte Habe, Der Not gehorchend, Unerſättlichen geweiht, Und der den letzten Halm der kargen Ernte

Für alle, die am Wege ſchmachtend ſtarben. Doch wo war er, der Vater ſolcher Qualen? Der Schlitten hat ihn nach Paris getragen, Und Fluch und Spott verfolgt' den flüchtgen Wagen.

Zwei Volkslieder aus dem Odenwald und der Wetterau (1813): 1.Napoleon, du großer Sieger. 2.Es kann ja nicht immer ſo bleiben.(Zweiſtimmige

Den Roſſen dreiſter Feinde vorgeworfen?

Wem klang nicht in den Ohren manches Wort Des übermuts und frechen Hohns des Siegers? Wer beugt' in Angſt und Kleinmut nicht das Haupt, Wenn er ſich ſtillbetrachtend überlegte,

Wie hier der Völker wogendes Gewimmel

Zu einer einzigen Rieſenmacht vereint,

Dem Winke eines Mannes zu gehorchen? Wem ſollte dieſer nicht allmächtig ſcheinen? Da trafs die Menſchheit wie ein Wetterſtrahl, Mocht' auch die Lüge dreiſt ihr Haupt erheben. Wer in die ſchneebedeckte Landſchaft ſchaute, Der konnte ſehen, was das Ohr nicht glaubte. Wo tönt die Trommel, wo Kommandoruf? Wo ſchallet der Drommete ſchmetternd Lied? Ein Leichenzug vermummte Grangeſtalten, Auf Stock und Krücke müheſam geſtützt,

Ziehn lahm und hinkend ihre Straße,

Den Fuß umhüllt mit altem Strohgewinde, Daß nicht der Froſt ſein quälend Werk vollende, Den Helm vertauſcht mit jedem eklen Lumpen, Daß er das Haupt vor Winters Wut bewahre. Wo iſt der Zauber der Montur geblieben, Des kriegeriſchen Schmuckes Glanz und Zier? Zerriſſene Säcke, alte Pferdedecken,

Ein Teppich und ein weggeworfnes Fell Erſchienen denen köſtlichwerte Gaben,

Die jüngſt in ſchönſtem Waffenſchmuck geſtrahlt. Siehſt du die Garde in dem Trauerzuge?

Das Elend hat ſie alle gleich gemacht.

Hier heißt es nicht gehorchen und befehlen. Der dort die alte Bärenmütze trägt,

Geſellte einſt ſich zu der edlen Schar,

Die ſich die tapferſte der Tapfern nannte.

Die Lippe bettelt um ein Stücklein Brot,

Die Weizengarben zu verbrennen hieß.

Zum Ofen drängt ſich das erſtarrte Leid.

Und wem des Feuers Glut den Mund geöffnet, Erzählt, wie er des Unheils Fall geahnt, Dieweil die Roſſe nicht wie ſonſt gewiehert, Und ſtets der Raben heiſeres Gekreiſch

Den Heerbann auf der Unglücksfahrt begleitet. Nur wen'ge grüßten Frankreichs Heimaterde. Die Hacke wirkte Werke des Erbarmens,

Wenn ſie die Ruhſtatt in die Erde wühlt'

Schülerchöre.)

Deklamation(Hermann Wißner, Ib 2):

Mit innerm Widerſtreben hatte York,

Gehorſam dem Befehl des Schlachtenmeiſters, Der Preußen Heer ins Ruſſenreich geführt Und denen, die mit Jena gerne prahlten,

In kühner Tat gezeigt, daß wieder lebte

Der alte Geiſt aus Friedrichs großen Tagen. Als jetzt des Korſen Hauptarmee zermalmt, Zerriß der finſtre Graukopf kühn die Bande, Die ihn zur Seite Deutſchlands Feinden ſtellte. Sein eigner König und ſein eigner Herr,

Bot er den Ruſſen Fried' und Freundſchaft an. Er wußt', daß er mit Kopf und Ehre ſpielte. Das Herz ſprach und die heilge Not der Stunde. Tauroggen nenne und den alten York,

Gedenkſt du, Deutſcher, des Befreiungsjahres! Der Jubel ſcholl dem Wackren laut entgegen, Als Preußens Stände ſich zuſammenſcharten. Der König nur, bewacht, beengt, verdächtigt Von Schergen, wachſamen Spionen,

Er durft' des Helden kühnes Werk nicht loben. Wie ſchlug vor Freude jedes Herze höher,

Als endlich nach den Monden des Verzagens Dem Volk ſein König wieder war gegeben.

Die Fahrt nach Breslau war ein Hoffnungsblick, Jetzt ſtand ein freier Mann auf freiem Boden. Sowie der Ruf erging an die Getreuen,

Da hub der Wettſtreit unſrer Beſten an,

In Not und Fahr dem Vaterland zu dienen. Es leerten ſich des Hörſals weite Räume,

Wo ſchnell der Taten großer Augenblick Gelehrte in Propheten umgewandelt.

Der Schule kehrte mutigfroh den Rücken,

Wer in dem jungen Arm die Kraft gefühlt, Fürs Vaterland zu ſtreiten und zu ſterben. Der Maler tauſcht den Pinſel mit dem Schwerte, Der Kaufmann läßt verpackt die neuen Schätze, Der Landmann führt den Stier nicht mehr ins Joch, Der Amboß in der Werfſeatt ſteht verwaiſt.

Nur eine Loſung gilt und ein Beruf:

Im Heerbann wacker ſeinen Mann zu ſtehn. Doch welchem Gott die Kraft nicht mehr gegeben Zu ſtehn in feuerſpeiendem Verderben,