Jahrgang 
1869
Einzelbild herunterladen

W

feierlichkeiten leben noch in mehr oder weniger guter Geſundheit fort. Damit wollen wir aber nicht ſagen, als habe die Unterlaſſung der öffentlichen Prüfungen und Feier⸗ lichkeiten ihren Ruin herbeigeführt. Unſere Realſchule nun, ſeitdem ſie vor wenigen Jahren ihre Selbſtändigkeit erlangt, will auch darin ihre Freiheit genießen, daß ſich am Schluße des Schuljahres, nach gethaner Arbeit, ihre Lehrer mit den Schülern und deren Eltern und Angehörigen und mit Freunden der Schule von heute an ge⸗ meinſam freuen und ihre gereiften Schüler feierlich entlaſſen werden. Wie es dem religiöſen Menſchen Bedürfniß iſt, nach ſechs Tagen fleißiger Arbeit nicht nur zu ruhen, ſondern ſich des Ruhetages auch in Gemeinſchaft zu erfreuen und ſeinem Gott und Herrn liebliche Lieder des Lobes und des Dankes zu ſingen und an Seinem Worte ſich zu erheben; ſo legen auch wir Lehrer hohen Werth darauf, uns nach den Mühen und Beſchwerden eines Schuljahres mit unſern Schülern und den Ihrigen in dieſem Feſtſaale verſammeln und gemeinſam an den jugendlichen Leiſtungen und Uebungen in Rede und Geſang erfreuen zu können. Und nun erlauben Sie mir wohl, noch einige Worte über den Werth einer ſolchen Schuffeierlichkeit, die mit Belobung ausgezeichneter Schüler und mit Entlaſſung der Abiturienten verbunden iſt, zu Ihnen zu reden.

Mit unſeren Prüfungen und dieſer gegenwärtigen Feier treten wir an die Oeffent⸗ lichkeit und laden Jedermann freundlich ein, zu kommen, zu ſehen und zu hören, was unſere Schule zu leiſten vermag, und zeigen, daß wir die Oeffentlichkeit nicht zu ſcheuen haben und gern bereit ſind, vor Jedermann Rechenſchaft abzulegen. Insbeſondere will⸗ kommen ſind uns die verehrten Eltern unſerer Schüler, und eine ſolche Feier vermag eher, als öffentliche Prüfungen oder als es ſonſt geſchieht, ſie mit den Lehrern ihrer Söhne zuſammenzuführen. Sie ſehen die nun von Angeſicht zu Angeſicht, über die Sie ſo mancherlei Schilderungen erfahren haben, Sie ſehen die friſche Jugend, in deren Mitte Ihre Söhne miterzogen wurden, und das mag ſchon manche falſche Vorſtellung verſcheuchen. Sie ſehen und hören bei dieſer Gelegenheit, was Ihnen Lehrer und Schü⸗ ler in Liebe zur Einſichtnahme und Unterhaltung vorbereitet haben. Betrachten Sie hier die ſchönen Zeichnungen aus freier Hand und die geometriſchen und kalligraphiſchen Darſtellungen, betrachten Sie aber auch nachher dort die ſchriftlichen Arbeiten und ver⸗ gleichen Sie dieſelben mit einander, und Sie werden ein richtigeres Urtheil über die Cenſuren Ihrer Söhne fällen. Hören Sie ferner mit wohlwollendem Ohre, was unſere Schüler mit Luſt und Liebe eingeübt haben, um Ihnen eine angenehme Unterhaltung zu bereiten, und Sie werden auch unter dieſem feſtlichen Gewande einen Blick in den Geiſt und Ton unſerer Schule thun, und Ihre Zuneigung derſelben zuwenden und erhalten. Insbeſondere läßt ſich von dieſer Stelle hier gar Manches zu Ihnen reden, das von Intereſſe für Sie ſein kann. Die Beziehungen der Schule zum Haus und des Hauſes zur Schule bicten ſehr mannigfaltige Berührungspunkte dar, und ein lebhafterer Verkehr zwiſchen beiden iſt von großem Einfluß für das Gedeihen der Schule und die Erziehung