Jahrgang 
1866
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die ſproſſende Saat in der Blüthe. Man ſpricht es aus, mein Sohn ſoll ſich mit dem Hergebrachten genügen laſſen, man macht ihn ſchon ſeit Jahren mit dem Gedanken ver⸗ traut, daß er, ſobald das Geſetz es geſtattet, die Schule verlaſſen und in das Geſchäft übertreten ſoll. Man äußert dadurch von früh auf den nachtheiligſten Einfluß und Druck auf die geiſtige Entwickelung des Knaben, dämpft deſſen Streben im Erwachen, anſtatt den Keim zu hegen; der Mann entbehrt aber in der Folge jeden wiſſenſchaftlichen Halt, jeden Einblick in das, was jenſeits des allernächſten Geſichtskreiſes liegt.

Nichtsdeſtoweniger zeigt doch die tägliche Erfahrung z. B. beim Baugewerke immer mehr, wie man auf höhere Bildung, veredelten Geſchmack und tüchtige Kenntniſſe ange⸗ wieſen iſt. Nicht minder deutlich erſcheint das Bedürfniß einer guten Vorbildung und gründlicher Kenntniſſe in der Landwirthſchaft. Nicht nur für den Betrieb großer Güter iſt derjenige rathlos und unbrauchbar, welcher in gewohnter Weiſe an Erfahrungen haftet, die ſchon lange überholt ſind, auch in kleineren Verhältniſſen kann er immer weniger be⸗ ſtehen. Auf dieſem Gebiete, wo die Nothwendigkeit zu deutlich ſpricht, hat man ſich auch ſchon mehr gewöhnt, wiſſenſchaftlicher Ausbildung nachzuſtreben, keineswegs läßt ſich aber behaupten, daß die Zuſtände befriedigend wären. In der richtigen Erkenntniß, daß theo⸗ retiſches Wiſſen unentbehrlich iſt, ſucht man dieſes, nachdem die praktiſche Lehre auf dem väterlichen oder fremden Gute durchgemacht worden iſt, an einer landwirthſchaftlichen Akademie zu erwerben. Will dieſe ihren Namen rechtfertigen, d. h. eine höhere fach⸗ wiſſenſchaftliche Ausbildung ihren Zöglingen geben, ſo wird der Erfolg von dem Grade der wiſſenſchaftlichen Bildung abhängen, welche nothwendig als Grundlage höherer Studien vorausgeſetzt werden muß. Dieſe Grundlage iſt aber nur ſelten vorhanden, und die Zög⸗ linge ſind zumeiſt für ihre höheren wiſſenſchaftlichen Studien ebenſo wenig vorbereitet, als ſie im Stande wären, Vorleſungen auf der Univerſität zu folgen. Es werden alſo vorbereitende Klaſſen errichtet werden müſſen, und um dem eigentlichen Ziele näher zu kommen, wird man den Gang dieſer Vorbereitung beſchleunigen und ſich auf das Noth⸗ dürftige beſchränken. Die Mängel einer ſolchen Erziehung brauchen kaum noch beſonders hervorgehoben zu werden. Dem Studirenden geht ein Theil ſeiner gewöhnlich nicht allzu reich zugemeſſenen Zeit über Dingen verloren, die er ſchon wiſſen ſollte. Kann er ſich aber auch alsbald in ganz neue geiſtige Bahnen finden, beſitzt er den eiſernen Fleiß, dem raſchen Gange des Unterrichts unausgeſetzt und mit häuslicher Anſtrengung zu folgen, ſo wird doch nur in ſeltenen Fällen eine wirklich fruchtbare Bildung der Erfolg ſein, weil das zu raſch Aufgenommene nicht Zeit gewinnen kann, gehörig zu gedeihen, ſondern leicht nach vorübergehender Blüthe wieder abwelkt. Ueberdies bleibt die humane Seite der Bildung, die Veredlung des Gefühles, die Pflege deſſen, was die Alltäglichkeit verſchönern und erheitern kann, ganz vernachläſſigt.

Sehr häufig aber wird der mangelhaft vorgebildete Zögling die Schwierigkeiten, die ihm bei der Aufnahme wiſſenſchaftlicher Studien im Wege ſtehen, gar nicht über⸗ winden, wahren Erfolg nicht erreichen. Seine oberflächliche Bildung wird ihn vielleicht befähigen, über dieſe Dinge mitzuſprechen, die er dem Namen nach kennt, die er aber in ſeinem Berufe nicht fruchtbar machen kann. Das Ergebniß der Bildung auf unge⸗ nügender Grundlage iſt alſo durchaus kein erfreuliches; indem in ſolcher Weiſe der Ober⸗