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erringen kann. Die Unternehmungen beruhen hier zumeiſt auf den Naturwiſſenſchaften, indem die Verfahrungsweiſen des Technikers Anwendungen von Naturgeſetzen ſind und zum Theile erſt durch deren Kenntniß möglich wurden. Fehlt dem Induſtriellen dieſe, ſo hat er nicht nur keinen Einblick in das Weſen deſſen, was ſeinen Beruf bildet, ſon⸗ dern er kann auch unmöglich dem unausgeſetzten Fortſchritte der einſchlagenden Wiſſen⸗ ſchaften folgen, nicht die Zeitſchriften verſtehen, welche über neue Erfindungen Auskunft geben, mit einem Worte, er ſchwebt ſtets in Gefahr, überflügelt zu werden von ſolchen Induſtriel⸗ len, die durch ihre Bildung den großen Vortheil vor ihm voraus haben, ſelbſt prüfen und für das eigene Intereſſe raſtlos und mit Erfolg thätig ſein zu können. Es iſt alſo wiederum nicht zu verkennen, wie man befangen den Sinn dem wahren Vortheile ver⸗ ſchließt, wenn man den Knaben dem Leben in einem Alter übergibt, in welchem ſeine wiſſenſchaftliche Ausbildung noch nicht über die Elemente hinaus kam*).
In der That iſt leicht einzuſehen, daß die Jahre, welche der angehende Jüngling der wiſſenſchaftlichen Ausbildung widmet, eine unendlich reichere Ernte tragen können, als die vorausgegangenen. Während das kindliche Verſtändniß nur ſehr langſam ſich entwickelt und über die Grundbegriffe kaum hinausgeführt werden darf, erhebt ſich dann in wenigen Jahren auf dieſer Grundlage ein harmoniſcher Bau, der nicht ein buntes Gemenge durch den Zu⸗ fall geſammelter Dinge enthält, eine Schatzkammer vielmehr werthvoller Kenntniſſe, tüch⸗ tiger Grundſätze, jeden Augenblick bereit, ins Leben zu treten, und doch unerſchöpflich, vielmehr im Stande, immer mehr erweitert und ergänzt zu werden. Gerade in dem Augenblicke entzieht man den Knaben der Schule, in welchem die blühende Saat an⸗ fangen ſollte, zu Früchten zu reifen; man raubt, um das Bild auszuführen, dem Jahre den Sommer und den Herbſt, auf den Frühling erfolgt keine Reife, ſondern man erſtickt
*) Profeſſor Grashof zu Carlsruhe nimmt mit Recht ebenſo die Pflege der ſtrengen Wiſſenſchaft als Hauptaufgabe auch für die Fachſchule in Anſpruch. Seine Gründe ſind ſo überzeugend und zu⸗ gleich in gewiſſem Maße auf die Verhältniſſe der Realſchule anwendbar, daß es geſtattet ſein mag, dieſelben anzuführen. Er ſagt in Betreff des Grades der wiſſenſchaftlichen Ausbildung überhaupt, welchen unſere polytechniſchen Schulen den angehenden Technikern ermöglichen ſollen:„In dieſer Beziehung gehe ich von der Ueberzeugung aus, daß, wenn die wiſſenſchaftliche Bildung und die praktiſche Uebung und Geſchicklichkeit zugleich in der beſchränkt disponiblen Zeit ſich nicht in vollem Umfange erreichen laſſen, naturgemäß die erſtere ſelbſt bis zu gewiſſem Grade auf Koſten der letz⸗ teren Bildung von der Schule zu cultiviren ſei, indem in der Praxis nachher die Uebung von ſelbſt kommt, während nur ſelten Zeit, Gelegenheit und Neigung vorhanden ſind, eine mangelhafte wiſſen⸗ ſchaftliche Bildung neben der Ausübung des praktiſchen Berufes noch weſentlich zu ergänzen. Auch würde die Schule ihre Aufgabe ſchlecht erfüllen, wenn ſie ſich mit einer ſolchen Ausbildung der an⸗ gehenden Techniker begnügte, welche dieſelben befähigt, die bei dem zeitigen Zuſtande des Fachs ihnen gewöhnlich vorkommenden Aufgaben nach gelernten Regeln mit Verſtändniß zu löſen; wenn vielmehr der Forſchritt auf dem Gebiete der Technik nicht nur von der Zufälligkeit auftauchender Talente ab⸗ hängen, ſondern von der Schule weſentlich gefördert werden ſoll, ſo müſſen die von ihr gebildeten Techniker im Stande ſein, die Literatur ihres Fachs mit ſelbſtändigem Urtheile zu ſtudiren und zu prüfen, ſie müſſen befähigt ſein, auch in ſchwierigen und neuen Aufgaben, die ſich ihnen darbieten, ohne daß ihnen dafür eine unmittelbar paſſende Regel zur Hand iſt, mit Leichtigkeit und klarem Verſtändniſſe der maßgebenden Verhältniſſe ſich zurecht zu finden.“ Grashof, Feſtigkeitslehre. IX.


