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Die Lücken in den Kenntniſſen meint man durch Unterricht in einzelnen Fächern ausfüllen zu können; man wird dadurch noch mancherlei lernen, aber ein ſicheres abgeſchloſſenes Wiſſen, eine harmoniſche Durchbildung wird man nicht erhalten.
Die Schule kennt keine höhere Pflicht, als die Erreichung dieſes idealen Zieles, weil die Veredelung des Geiſtes als unſere ſchönſte menſchliche Aufgabe erſcheint. Bei den mannigfaltigen Anforderungen und Gefahren des Lebens gibt es keine beſſere Grundlage für jeden Beruf, keine, die mehr vor den Mängeln bewahrt, welche unfehlbar mit der Einſeitigkeit und Oberflächlichkeit verbunden ſind, als eine gediegene Bildung. Sie iſt dem Induſtriellen, ſobald er nicht im Materiellen aufgehen, fremder Hilfe auf Gnade oder Ungnade anheimfallen will, zum Betriebe ſeiner Unternehmungen nnentbehrlich, weil er dieſelben ohne tüchtige Kenntniſſe weder ins Werk ſetzen, noch den Fortſchritten auf ſeinem Gebiete folgen und deren Vortheile genießen kann. In Wahrheit kann aber nur der auf den Namen eines Gebildeten Anſpruch machen, dem über der materiellen Welt die ideale nicht verſchloſſen geblieben iſt, und der als herrlichſte Frucht aller ſeiner Anſtrengungen einen veredelten Geiſt davongetragen und gelernt hat, die mechaniſche Arbeit mit dem Gedanken zu erfüllen und zu beleben. Sobald man ſich hierüber ver⸗ ſtändigt hat, bedarf es nicht mehr des Beweiſes, daß der Aufwand von Zeit für eine wiſſenſchaftliche Bildung nicht nur im ſpäteren Leben unberechenbar ſich lohnen muß, ſondern auch alsbald der ſcheinbare Verluſt durch Abkürzung der praktiſchen Lehre wieder ausgeglichen wird.
Der Weg der bloßen Erfahrung genügt heute nicht mehr. Wer an der Spitze induſtrieller Unternehmungen ſtehen will, gebietet über eine größere oder geringere An⸗ zahl dienſtbarer Hände, welche der Führung bedürfen, ohne dieſelbe aber ſich einander entgegen arbeiten. Jeder wird an dem ihm übergebenen Poſten ſeine Schuldigkeit thun, die ihm zugewieſene Aufgabe löſen, einen Stein zum Baue tragen; aber die Seele des ganzen Organismus bleibt Derjenige, welcher das Ziel klar vor Augen, den Plan gefaßt hat, Jeden an ſeinem Orte verwendet und das Ganze und Einzelne ſchon vollendet im Geiſte vor ſich ſah, noch ehe es in die Erſcheinung getreten iſt. Dazu gehören vor allem Kenntniſſe, allerdings auch ein reicher Schatz von Erfahrung; dieſe allein reicht aber nicht aus, ſelbſt wenn man darunter mehr verſteht, als die alltägliche Geſchäftskenntniß, welche in der Lehre erworben wird. Sie iſt freilich nicht zu entbehren; aber will man dem Jüngling das Streben gleich anfangs dadurch dämpfen, daß man ihm dieſes trockne Ein⸗ maleins als die ganze Rechenkunſt darſtellt? Zum Leſen gehört allerdings die Kenntniß der Buchſtaben, aber durch dieſe allein werden wir weder Schriftſteller noch Kenner un⸗ ſerer Literatur, und ebenſowenig ſind wir, nur weil die Lehre hinter uns liegt, Kaufleute oder Fabrikanten. Dadurch aber, daß wir den Knaben mit Kenntniſſen, die höchſtens für einen beſchränkten Kreis genügen, der weiteren Bildung entziehen, weiſen wir denſelben auch geradezu in eine geringere Sphäre, und er erſcheint um ſo mehr herabgedrückt, als bei der fortgeſchrittenen Bildung und der allgemeineren Concurrenz, ſowie bei den höheren Anforderungen überhaupt, die man jetzt ſtellt, er die ihm fehlenden Kenntniſſe weniger entbehren kann und eine größere Zahl ihm überlegen ſein wird, als dies früher der Fall war.


