Jahrgang 
1866
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I. lleber die Dauer des Hchulbeſuchs.

So häufig hört man die vermehrte Tiefe und die allgemeine Verbreitung der Bildung in der Gegenwart rühmen. Wir erfreuen uns nicht nur einer bewunderten vaterländiſchen Literatur, deren Früchte wir genießen, auch die Dichtung anderer Völker machen wir uns zu eigen; ferner hat uns die Vergangenheit einen reichen Schatz des Wiſſenswerthen überliefert, das geſammte Leben iſt von der Wiſſenſchaft durchdrungen, und mit ihren Erfolgen geht der Aufſchwung der Induſtrie gleichen Schritt. In dieſer Crkenntniß wen⸗ det auch der Staat den Schulen ſeine beſondere Aufuerkſamkeit zu, und es ſollte faſt ſcheinen, als ob die hellen Strahlen der Bildung den ganzen Lebenskreis erleuchteten und erwärmten und Keiner ſich denſelben entziehen wollte oder könnte.

Niemand bezweifelt mehr allerdings den Werth tüchtiger Kenntniſſe; in jedem Be⸗ rufe ſind dieſelben nothwendig geworden. Selbſt der kleinere Handwerker ſieht ſich bei der allgemeinen Concurrenz, welche durch die Erleichterung des Verkehres noch vermehrt wird, aus den Verhältniſſen herausgehoben, in welchen er ſich früher leicht zurechtfand. Die hergebrachten Erfahrungen reichen ihm für viele Fälle nicht mehr aus, und auch die Anforderungen in Hinſicht des Maßes wiſſenſchaftlicher Kenntniſſe ſind höher gewor⸗ den. Bei der Erweiterung des Marktes iſt für Einkauf und Abſatz mehr Spielraum geboten, und je klarer man die induſtriellen Verhältniſſe des Augenblickes zu erfaſſen vermag, um ſo vortheilhafter wird man dieſelben für ſeine Zwecke benutzen können. Am meiſten gilt dies für den Kaufmann und Fabrikanten, die bei größeren Unternehmungen und weitgreifenden Beziehungen der mannigfachſten Art eines reichen Schatzes von Er⸗ fahrungen und Kenntniſſen bedürfen.

Wenn nun auch hierüber kein Zweifel waltet, ſo iſt doch die Uebereinſtimmung über die Mittel, dies Ziel zu erreichen, viel geringer. Häufig genug kann man ſich von hergebrachten Anſchauungen noch nicht trennen, würdigt den Werth der Geiſtesbildung nicht in dem Maße, als dies geſchehen ſollte, und erwartet von der Lehre, welcher der Sohn ſobald als möglich übergeben wird, und von den Erfahrungen, die er ſich darin ſammeln ſoll, Alles, ohne zu erwägen, ob der Kuabe die nöthige Reife und Geiſtesbil⸗ dung erlangt hat, ob er durch Kenntniſſe ſchon hinreichend befähigt iſt, die Verhältniſſe des Handels und der Induſtrie zu überſchauen, oder ob er nicht vielmehr Jahre in der praktiſchen Lehre ohne eigentlichen Gewinn über Arbeiten einbüßen wird, die ein reiferer, mit Kenntniſſen beſſer ausgerüſteter Geiſt in eben ſo vielen Wochen begriffen haben würde. Man ſucht den nächſten Gewinn zu erhaſchen, aber man verſcherzt den höheren.