Jahrgang 
1864
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Jeder bewegte ſich frei und ungezwungen und gab dadurch den Lehrern Gelegenheit, tiefe Blicke in ſein Inneres zu thun, wodurch derſelbe befähigt ward, zu Hauſe diejenigen Saiten anzuſchlagen, welche nothwendig zu berühren waren, um auf den Willen des Schülers kräftig zu wirken und denſelben zu ſtärken. Aber auch die Schüler lernten den Lehrer näher kennen, fanden in ihm einen befreundeten Mann und ſchloſſen ſich mit ganzem, vollem Vertrauen an ihn an. So ent⸗ ſtand ein Verhältniß zwiſchen Zöglingen und Erziehern, das auf gegenſeitigem Vertrauen und Wohlwollen gründete, ſich von einer Generation auf die andere vererbte und die Wirkſamkeit bei⸗ der Anſtalten mächtig ſteigerte.

Während dieſer Jahre hatte von 1834 bis 1847 die Leitung beider Anſtalten der Groß⸗ herzogliche Oberſtudienrath Prof. Dr. Schacht, nachdem vorher der ehemalige Pfarrer Erd⸗ mann und ſodann nur kurze Zeit der Großherzogliche Oberſtudienrath und Gymnaſialdirector Prof. Dr. Dilthey die Direction verwaltet hatten. Als Oberſtudienrath Dr. Schacht zurück⸗ trat, überkam Prof. Dr. Edmund Külp die Verwaltung beider Schulen, welcher ſich bis da⸗ hin als unermüdlicher, hochbegabter Lehrer große Verdienſte erworben hatte.

Die einmal getroffenen Einrichtungen verblieben auch bei dieſem Wechſel der Direction bis zum Jahre 1855; denn, obgleich der Landtag ſchon im Jahre 1833 der Realſchule jährlich 3,000 fl. unter der Bedingung verwilligte, daß auch die Stadt Darmſtadt ebenſoviel jährlich bei⸗ trage, und obgleich auch ſpäter die höhere Gewerbſchule ähnliche Verwilligungen empfangen hatte, ſo wurden doch die Geldmittel gemeinſam, je nach dem Bedürfniſſe der einzelnen Schulen ver⸗ wendet. Ein Gleiches geſchah mit dem geſammten Lehrerperſonale.

In genanntem Jahre aber erhob die Großherzogliche Regierung die höhere Gewerbſchule zur Staatsanſtalt; die Fonds beider Anſtalten wurden getrennt und die Lehrerperſonale geſchieden, es verblieb ihnen aber die Verpflichtung, in Nothfällen gegenſeitig Vicariate zu übernehmen. Dieſer Verpflichtung mußten die Lehrer der Realſchule häufig und zum Theil unter großen Anſtreng⸗ ungen nachkommen.

Die Mittel, welche damals der Realſchule zugewieſen wurden, mochten für das augenblick⸗ liche Bedürfniß genügend erſcheinen, waren es aber für die Folge nicht. Auf die Dauer ent⸗ ſprachen die vorhandenen Lehrkräfte den ſich ſteigernden Anforderungen der Schule nicht mehr, Acceſſiſten mußten aushelfen und, wenn dieſe fehlten, ſahen die Lehrer ſich genöthigt, eine über⸗ große Stundenzahl zu übernehmen, was nicht ſelten kränkelnde Zuſtände und Vicariate durch die dienſtfähigen nach ſich zog. Die Großherzoglichen Behörden bemüheten ſich zwar, Erleichterung zu ſchaffen, aber ihren Beſtrebungen traten äußere Verhältniſſe entgegen.

Trotz all dieſem fand in der Realſchule kein Stillſtand oder Rückgang ſtatt. Im Gegen⸗ theile ſie ging, wenn auch langſamer, als unter günſtigeren Verhältniſſen geſchehen wäre, dennoch vorwärts, ja ſie iſt, nach dem Ausſpruche eines hohen Staatsbeamten, welcher ſeit Jahren die Schule mit Aufmerkſamkeit und Theilnahme beobachtete,eine der beſten Realſchulen des Landes.

Meine Herren Collegen! Wir haben unſere Aufgabe nach beſten Kräften bis dahin zu löſen geſucht, gehen wir darum auch mit deſto freudigerem Muthe der Zukunft entgegen, da wir die ſichtbaren Beweiſe der wohlwollenden Fürſorge der uns vorgeſetzten Behörden haben.