Jahrgang 
1864
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Ueber den Wirkungskreis und die Stellung der Realſchule andern, beſonders techniſchen Anſtalten gegenüber, habe ich mich im Herbſtprogramme 1863 ausgeſprochen. Ich beſchränke mich daher, nur zu bemerken, daß wie die Einrichtungen der Gymnaſien nicht ſtreng von der Univerſität, ſo auch die der Realſchulen nicht unbedingt von denen der Fachſchule abhängen. Das humane Intereſſe verlangt eine allgemeine Bildung, einen Schatz humaner Kenntniſſe, als Grund⸗ lage für die Aufnahme ſpecieller Fachwiſſenſchaft. Dieſe Grundlage für das Leben und den künftigen Beruf geben Gymnaſien und Realſchulen, während die Univerſitäten und techniſchen Schulen die Schachte des Wiſſens erſchließen ſollen, in welchen die Arbeit unſeres Lebens, Erze zu Tage zu fördern, beſtimmt iſt. Dieſen Geſichtspunkt wollen wir im Auge behalten. Es iſt der Realſchule die ſchöne Aufgabe geworden, Solchen, die thätig theils in den Kreiſen des bürgerlichen Berufes, theils des höheren Gewerbes und der Technik ſich bewegen werden, die Vorbildung, zugleich aber auch die geiſtige Anregung zu geben, und in den jugendlichen Herzen die Keime des Edeln und Schönen zu wecken. Streben wir einmüthig nach dieſem Ziele, das uns menſchliche Theilnahme vorzeichnet, und das uns die thätige Unterſtützung derer, für welche wir wirken, mehr und mehr ſichern muß.

Da nun die hohen und höchſten Behörden die wohlwollendſten Abſichten für die Realſchule hegen, ſo werde ich, mit dieſer Anſtalt gereift, ganz in ſie und in ihre Aufgabe hineingelebt und ſeit meiner Lehrerlaufbahn in den mannigfachſten Disciplinen thätig, meine höchſte Genugthuung darin finden, daß es mir vergönnt iſt, die Intenſionen der hohen und höchſten Behörden ausführen zu helfen und die Reife meiner Thätigkeit den Wölbungen des Baues zu widmen, an dem ich ſeit deſſen Grundlegung mit dem Eifer, den die Liebe zur Sache gibt, ſeit mehr als drei Decennien gewirkt habe.

Nun noch wenige Worte an unſere Schüler. Unſere Schule hat ſich von einer gar kleinen zu einer der umfangreichſten Realſchulen des Landes emporgearbeitet. Sie verdankt dieß der Fürſorge der Großherzoglichen Regierung, der thätigen Theilnahme und Bereitwilligkeit des hieſigen Gemeindevorſtandes, den ausdauernden Beſtrebungen der Lehrer und endlich dem guten Geiſte der Schüler, der gleichſam mit ihrer Gründung in ihre Räume eingezogen iſt. Ich kann es ohne Bedenken ausſprechen, daß von Anfang an durch alle Jahre hindurch unſere Schüler von dem Geiſte der Sittlichkeit, der Religioſität, der Ordnung, Folgſamkeit und Pietät gegen die Lehrer erfüllt geweſen ſind, ſowie von dem Geiſte des Fleißes und wiſſenſchaftlichen Strebens. Namentlich die Schüler der oberen Klaſſen kamen den Lehrern auf halbem Wege entgegen und erleichterten dadurch deren Bemühungen um Vieles. Dieſer Geiſt ward eben von vornenherein dadurch geweckt, belebt und zu ſchöner Entfaltung gebracht, daß der Lehrer den Schülern in dem Verhältniſſe des älteren Freundes gegenüberſtand. Ich kann mich auch hier nicht enthalten, das Urtheil eines unparteiiſchen, leider allzu früh verſtorbenen, edlen Mannes aus der neueren Zeit anzuführen, das Urtheil des Begründers des Schulturnens, Adolf Spieß, aus dem hervorgeht, daß auch damals noch das ſchöne Verhältniß beſtand. Dieſer Mann ertheilte Jahre lang unſeren oberen Klaſſen den Turnunterricht. Ich hatte ebenſo Jahre lang die Inſpektion dabei. Spieß