Im Februar 1930 erklärte ſich der Gau Südheſſen des Deutſchen Jugendherbergsverbandes bereit, uns den bis dahin als Jugendherberge dienenden„Pfalzhof“ in Dorndiel als Schullandheim zu überlaſſen. Bei wiederholten Beſichtigungen, an denen ſich auch ein Ausſchuß der Elternſchaft beteiligte, kamen wir zu dem überein⸗ ſtimmenden Urteil, daß das 120 Jahre alte Fachwerkhaus für den beabſichtigten Zweck geeignet ſei; allerdings wurde von vornherein die Notwendigkeit eines Umbaues der Küche und des anſchließenden Waſchraums betont.
Ein Elternabend am 26. März 1930 erörterte in lebhafter Ausſprache das Für und Wider der Landheim⸗ bewegung und kam ſchließlich zu dem einſtimmig befürworteten Ergebnis, daß für unſere Anſtalt die Errichtung eines Landheims zu empfehlen ſei. Bei der ſchriftlichen Abſtimmung, der dieſe Entſchließung zu Grunde lag, ſprachen ſich mehr als 90 v. H. aller Eltern für ein Landheim aus. Dieſer Zuſtimmung mußten wir uns verſichern, bevor wir endgültig den Mietvertrag mit dem Heſſ. Jugendherbergsverband auf zunächſt 5 Jahre abſchließen konnten; denn die letzte Entſcheidung in einer ſo bedeutſamen Sache liegt bei den Eltern und hängt von ihrer Opferbereitſchaft ab.— Der heſſiſche Staat als Eigentümer des„Pfalzhofs“ beſtätigte den Mietvertrag..
Nun erging ein Aufruf an die Eltern unſerer Schüler zu freiwilligen Spenden an Geld oder zur Üüber⸗ laſſung von Einrichtungs⸗ und Gebrauchsgegenſtänden; denn was darin als dem Jugendherbergsverband ge⸗ hörig vorhanden war, reichte ſelbſt für ganz beſcheidene Anſprüche nicht aus. Ein Wetteifer im Schenken ſetzte ein, und was an Geld und ſonſtigen Gaben und Spenden zuſammenkam, übertraf unſere Erwartungen bei weitem.
So konnte unſer Landheim, in reizvolle Landſchaft gebettet, am Sonntag, 25. Mai 1930, unter Teilnahme behördlicher Vertreter, zahlreicher Eltern, der geſamten Lehrerſchaft und einer größeren Abordnung unſerer Schüler feierlich eingeweiht werden.
„Was die Eltern und die anderen Gäſte am Sonntag im neuen Schullandheim ſahen, ſtellt den bisherigen Helfern am Werke das beſte Zeugnis aus: Dem Vorſitzenden des Landheimausſchuſſes ſowie Herrn Baurat Storck als dem Leiter des Umbaues, Herrn Oſtheimer, dem bisherigen Hausvater(denn das Landheim war bisher Ju⸗ gendherberge).— Die Einweihungsfeier am Sonntag war kurz, abwechſelungsreich und herzhaft. Nach einem Schülerchor„Alles ſchweige, jeder neige“(von Herrn Studienrat Kaiſer geſchmackvoll arrangiert, mit Holzbläſern) nahm Herr Oberſtudiendirektor Lauteſchläger das Wort. Er gab dem Dank an alle beteiligten Behörden Aus⸗ druck, hob die Verdienſte des Leiters des Gaues Südheſſen im Verband deutſcher Jugendherbergen(Herrn Bram⸗ bach) hervor, dankte Herrn Baurat Storck, Herrn Sanitätsrat Dr. Noellner und vielen Stiftern für tatkräftige Hilfe, ſprach gute Worte über den Landheimgedanken und ſchloß mit warmherzigen Wünſchen für ein ſegensreiches Wirken der neuen Schöpfung für Schüler, Eltern und Lehrer. Nach freundlichen Worten der Begrüßung durch den Bürgermeiſter von Dorndiel(auch der Geſangverein des Ortes nahm mit ſchönen Darbietungen an der Feier teil) drückte Herr Brambach, Gauleiter im Jugendherbergsverband(deſſen grün⸗gelb⸗blaue Fahne neben der Landesflagge wehte) ſeine Freude über das gelungene Werk aus, begrüßte das wachſende Verſtändnis der Behörden für derartige Gründungen und hob hervor, daß das Landheim Dorndiel das erſte heſſiſche Schullandheim ſei, das in Verbindung mit den Jugendherbergen geſchaffen wurde. Eine kurze Anſprache von Herrn Studienrat Dr. Heldmann (Eleonorenſchule) und launig eingeleitete Worte von Herrn Oberſtudiendirektor Pfersdorf(Groß⸗Umſtadt), die in dreifachen Heilrufen ausklangen, beendeten die Feier.
Kein Zweifel, daß alle Teilnehmer mit den beſten Eindrücken aus dem ſchönen, freundlichen Tal geſchieden ſind; namentlich dürfen alle Mitarbeiter an dem Werk des freudigen Dankes der Elternſchaft verſichert ſein, die es einmütig begrüßt, daß ſich einer der beſten, friſcheſten Gedanken moderner Erziehungspraxis nun auch für das Ludwig⸗Georgs⸗ Gymnaſium verwirklicht hat.“*
Nachdem ſo das Landheim ſeiner Beſtimmung übergeben war, hielt die Oberſekunda I als erſte Klaſſe darin ihren Einzug. Bis Ende Oktober konnten ſämtliche 16 Klaſſen unter Leitung und Aufſicht ihrer Klaſſenführer auf je 6 Tage— Montag bis Samstag— die Freuden und Annehmlichkeiten eines von Schularbeit nicht belaſteten Landheimaufenthalts genießen. Selbſt in den Sommerferien ſtand das Landheim unſeren Schülern auf 3 Wochen zur Erholung offen; auch hier ſtanden ſie ſtändig unter der Obhut von Lehrern unſerer Schule. Von Anfang No⸗ vember ab blieb das Landheim bis auf eine kurze, viertägige Unterbrechung geſchloſſen.
Die reizvolle nähere und weitere Umgebung von Dorndiel, die Berge und Wälder vermittelten unſeren Schülern nachhaltige Eindrücke von der Schönheit von Natur und Landſchaft, und vertiefte die Liebe zur Heimat. Aus⸗ gedehnte Spaziergänge und der ſtändige Aufenthalt in friſcher Gebirgsluft ſtählten Körper und Geiſt. Überall ergaben ſich ganz von ſelbſt Möglichkeiten zu geſchichtlicher, kunſtgeſchichtlicher und naturwiſſenſchaftlicher Belehrung. Im Ver⸗ kehr mit der Bevölkerung lernten unſere Jungen kleinbäuerliches Dorfleben kennen. Eine große, idylliſch am Waldrand gelegene Wieſe bot täglich Gelegenheit, in Spiel und Sport die Kräfte zu üben. Lehrer und Schüler begegneten ſich als Freunde und Kameraden, und das— wenn auch zeitlich beſchränkte— Leben in der Klaſſengemeinſchaft und damit der Zwang für jeden einzelnen, ſich ein⸗ und unterzuordnen, wird mit der Zeit ſchon gute Früchte reifen laſſen.
Daß Franziska, unſere nimmermüde Hausverwalterin, für die leiblichen Bedürfniſſe unſerer Schüler aufs beſte zu ſorgen verſtand, haben nicht nur ſie ſelbſt, ſondern auch die Eltern beſtätigt, die die Gelegenheit wahrnahmen, ihre Söhne im Landheim zu beſuchen. Bei 4 täglichen Mahlzeiten betrug die Gewichtszunahme durchſchnittlich 3 bis 4 Pfund in 6 Tagen; einige beſonders Tapfere brachten es ſogar auf 6—8 Pfund.
So dürfen wir am Ende des erſten Jahres mit Befriedigung feſtſtellen, daß die Erwartungen, mit denen wir das Landheim eröffneten, ſich erfüllten, und daß wir eine Einrichtung geſchaffen haben, die ſich zum Beſten unſerer Schüler und zum Segen für die Schule auszuwirken verſpricht.
Wir werden uns auch in Zukunft um die körperliche Ertüchtigung und in Auswertung aller erzieheriſchen Mög⸗ lichkeiten um die Charakterbildung unſerer Schüler, wie ſie beide der Landheimaufenthalt ermöglicht, mit unvermin⸗ derter Sorgfalt bemühen, damit ein Geſchlecht heranwachſe, das tüchtig ſei zum Dienſt an Volk und Vaterland.
* Ausführliche Berichte über die Feier veröffentlichte die„Darmſtädter Zeitung“ in Nr. 122 vom 27. Mai 1930 und das„Darmſtädter Tagblatt“ in Nr. 148 vom 29. Mai 1930.
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