V. Zur Geſchichte der Anſtalt.
1. Das Schuljahr begann am 23. April 1928 mit den Aufnahmeprüfungen, der Unterricht am 24. April nach einer einfachen Eröffnungsfeier.— Unſere Jahresarbeit werden wir am 23. März beenden.
2. Zu Beginn des Schuljahres traten in den Lehrkörper unſeres Gymnaſiums ein die Herren Studienrat Valentin Schorn, Studienrat Paul Neher, beide ſeither an der Aufbauſchule in Bensheim und Studienrat Karl Gräber, ſeither an der Ludwigs⸗Oberrealſchule in Darmſtadt.
Im Dezember 1928 wurden zu Oberſtudienräten ernannt die Studienräte Prof. Dr. Neßling und Prof. Dr. Schlamp.
Herr Oberſtudienrat Prof. Dr. Neßling mußte mit Rückſicht auf ſeine Geſundheit vom 6. Januar 1929 an beurlaubt werden. Er unterzog ſich dann einer Operation und wurde auf ſein Nachſuchen mit Wirkung vom 1. April 1929 in den Ruheſtand verſetzt. Mit ihm ſcheidet aus unſerem Kreiſe der dienſtälteſte Lehrer der Anſtalt, der an unſerem Gymnaſium ſeit Herbſt 1900 in treuer Pflichterfüllung gewirkt hatte. Wir wünſchen ihm vollſtändige Wiederherſtellung ſeiner Geſundheit und ein geſegnetes otium cum dignitate!
Von ſeinem Unterricht übernahm Herr Studienrat Dr. Rink zwei Drittel der Stunden, Lateiniſch und Griechiſch, Herr Studienaſſeſſor Dr. Müller ein Drittel, Deutſch, Geſchichte und Staatsbürgerkunde, Herr Studienrat Prof. Wentzel eine Stunde Erdkunde. Die Verteilung des Turn⸗ und Spielnnterrichts mußte von Januar 1929 in anderer Weiſe geregelt werden.
3. An Lehrgängen zur weiteren Fortbildung im Beruf nahmen teil: Studienrat Dr. Maſſing (Lehrgang für Neuſprachler, 3 Tage), Studienrat Veith(Lehrgang für Phyſiklehrer, veranſtaltet von der Direktion der ſtädtiſchen Betriebe in Darmſtadt, 3 Nachmittage), Studienrat Dr. Rink(Lehrgang für Turnlehrer in Berlin⸗Spandau, 2 Wochen), Studienrat Dr. Imgram(Lehrgang für Turnlehrer in München, 11 Tage), Studienrat Dr. Imgram(Lehrgang für Heimatkunde in Darmſtadt, 1 ½ Tage).
4. An den Vormittagen des 27. März, 15. Mai, 10. September, 1. November, 18. Dezember, 31. Januar und 19. Februar unternahmen alle Klaſſen Schulſpaziergänge in die nähere und weitere Umgebung von Darmſtadt.— Ein Tagesausflug am 15. Juni führte die einzelnen Klaſſen in den vorderen und hinteren Odenwald, ins Nahetal, in den Taunus und an den Altrhein. Der Ausflug am 19. Februar bot unſeren Schülern Gelegenheit, bei Gernsheim den zugefrorenen Rhein zu überſchreiten.
5. Am 24. Juni fanden ſich nach einer 2 ½ ſtündigen Sternwanderung die Klaſſen mit ihren Lehrern an unſerer Spielwieſe am Böllenfalltor ein. Dort wies in einer Anſprache Studienrat Dr. Kadel auf die Bedeutung des Jugendfeiertags hin. Dann zeigten mehrere Klaſſen in Spielen aller Art, Staffelläufen und Bodenübungen ihre Leiſtungsfähigkeit. Die Sieger wurden mit ſcherzhaften Preiſen bedacht.
6. Bei der Verfaſſungsfeier am 17. Auguſt hielt Studienrat Neher, bei der Totenfeier am 24. November Studienrat Schorn die Anſprache.
Am 20. Juni gedachten wir in einer Dürer⸗Feier des großen deutſchen Malers. Studienrat Prof. Dr. Ausfeld erläuterte an ausgewählten Lichtbildern Dürers Lebenswerk.
Am 19. Dezember veranſtaltete unſer Schülerorcheſter unter Leitung des Herrn Studienrat Kaiſer im Feſtſaal eine Schubert⸗Feier. Unterprimaner Kirnberger ſprach über die Bedeutung Franz Schuberts.
Am 22. Januar 1929, dem 200. Geburtstag Leſſings, wurde ſeiner in geeigneter Weiſe in den einzelnen Klaſſen gedacht. Die Leitung des Landestheaters ſtellte uns 35 Karten für Schüler der Ober⸗ klaſſen zur Verfügung. Sie ſahen eine treffliche Aufführung der„Minna von Barnhelm“.
7. Am 14. und 15. Februar— ſpäter als ſonſt— führte die Spielſchar unſeres Gymnaſiums„Oedipus auf Kolonos“ von Sophokles auf der neu ausgeſtatteten Bühne unſeres Feſtſaals auf.„Die Aufführung, die unter Leitung des um dieſe Darbietungen beſonders verdienten Studienrats Dr. Malzan ſtattfand, reihte ſich den früheren in weiteſten Kreiſen mit ſo großem Beifall aufgenommenen Aufführungen dieſer Art würdig an. Das Intereſſe an dieſen Aufführungen iſt begreiflich, da ſonſt im allgemeinen keine Ge⸗ legenheit geboten wird, die Werke antiker Dichter aufgeführt zu ſehen. Die jugendlichen Darſteller, die ſich mit ganzer Hingabe und großem Ernſt ihrer ſchönen Aufgabe widmeten, machten ihrem beliebtem Spielleiter alle Ehre. Die Hauptrollen waren vertreten durch Hermann Schulz(Oedipus), Günther Machwirth(Antigone), Claus Mangold(Polyneikes), Werner Gebauer(Theſeus) und H. W. Hohlwein (Bote). Chöre und Orcheſter paßten ſich dem Rahmen der Vorſtellung würdig an und trugen zu dem ſchönen Gelingen der Aufführung weſentlich bei. Geleitet wurden ſie von Studienrat H. Kaiſer, der ſich für die Mühe ſeiner Einſtudierung dadurch reichlich belohnt ſah. Von den ſtimmungsvoll geſungenen Chören machte der dritte„Ach wär' ich, wo bald die Schar“ den tiefſten Eindruck. Das Schülerorcheſter, das gegen früher eine erfreuliche Verſtärkung erfahren hat, unterzog ſich ſeiner Aufgabe mit liebevollem Verſtändnis und beſtem Gelingen. Die ſtilechten Koſtüme waren nach dem Entwurf und Angaben von Studienrat F. Dern angefertigt, das Bühnenbild von Walter Hof geſtaltet worden. Der rauſchende Beifall der Zuhörer am Schluſſe der Aufführung möge den Leitern und Darſtellern eine Aufforderung ſein, mit dieſen dem Intereſſe und dem Buldüuhahehürfnis weiterer Kreiſe entgegenkommenden Aufführungen fortzufahren.“(Nach Zeitungsberichten.)
8


