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Mit Beginn des Winterhalbjahrs gründeten Schüler des Gymnaſiums mit Unterſtützung der Schule einen Winterſportverein. Die Höchſtzahl ſeiner Mitglieder betrug 58. Der Verein hat ſich die Aufgabe geſtellt, auch im Winter den Sport zu pflegen, und zwar in der Eiszeit das Schlittſchuhlaufen, in der Schneezeit das Rodeln und Schneeſchuhlaufen und in der übrigen Zeit das Fußballſpiel. Das Fußballſpiel fand gewöhnlich Mittwochs und Samstags Nachmittags auf dem Exerzierplatz ſtatt. Wir hatten zweimal Wettſpiele mit den Fußballſpielern des Realgymnaſiums und zweimal mit denen der Oberrealſchule; im Spiel gegen die Realgymnaſiaſten waren einmal ſie, einmal wir Sieger; gegen die Oberrealſchüler behielten wir beidesmal die Oberhand.
Obgleich alſo ein ziemlich reger Spielbetrieb an unſerer Schule unterhalten wurde, ſo können wir damit doch noch lange nicht zufrieden ſein, da unſere Schüler zum Teil noch nicht von der echten Spiel⸗ freudigkeit erfüllt ſind. Viele beſuchen die Spielwieſe im Sommer doch nur, weil die Schule einen, wenn auch gelinden, Zwang ausübt. Beſonders betrübend iſt es, daß von den 71 Schülern unſerer Primen, auf die von unſerer Seite aus keinerlei Zwang ausgeübt wurde, ſich nur 13 regelmäßig an unſeren Spielen beteiligten und 42 von dieſen überhaupt keinerlei Bewegungsſport(auch nicht außerhalb der Schule) trieben. Es iſt aber auch zugleich, wir müſſen es leider ausſprechen, ein bedauerliches Zeichen für die Intereſſeloſigkeit, mit der manche Eltern dieſer wichtigen Seite der Erziehung gegenüber ſtehen. Wir wiſſen ja wohl, daß unſere Schüler ſich nicht jeden Tag dem Sport hingeben können, aber wir wiſſen auch, daß jeder Schüler, ohne ſeine ſonſtigen Schulpflichten zu vernachläſſigen, mehrmals in der Woche eine oder zwei Stunden für körperliche Uebungen frei machen kann. In der Tat iſt es auch nur Schlaff⸗ heit, Bequemlichkeit, Luſt an gedankenloſem Straßenbummel und Aehnliches, was unſere Jugend von der Körper und Charakter feſtigenden Sportbetätigung abzieht. Die Eltern ſollten eine ſolche Bummelei niemals dulden und ihre Söhne zur Beteiligung an den Jugendſpielen zwingen. Wenn wir auch die engliſchen Schulverhältniſſe nicht als unſer Ideal anſehen, ſo halten wir es doch, was die Pflege der körperlichen Uebungen anlangt, für notwendig, daß wir uns den engliſchen Verhältniſſen nähern. Wie in England, ſo dürfte auch in Deutſchland kein junger Mann für vollwertig angeſehen werden, der in jeder Art von körperlichem Sport vollſtändig verſagt. Denn die Pflege des Bewegungsſports iſt nicht ein müßiger Zeitvertreib, er bedeutet auch nicht bloß eine Kräftigung der Geſundheit und eine Ausbildung der körperlichen Gewandtheit, er iſt ein hervorragendes Mittel zur Charakterbildung.
Die Bedeutung der Jugendſpiele für die Erziehung hat Dr. K. Breuel, University Lecturer in Cambridge, in Baumeiſters Handbuch der Erziehungs⸗ und Unterrichtslehre für höhere Schulen in folgenden Sätzen, denen wir uns rückhaltlos anſchließen, zuſammengefaßt:„Sie machen und erhalten den Körper geſchmeidig und gelenkig, üben alle Glieder zugleich und gleichmäßig, und härten den Leib gegen Wind und Wetter trefflich ab. Geiſtig ſind ſie ferner von mindeſtens ebenſo hoher Bedeutung für die heranwachſende Jugend: Sie laſſen den Knaben unverdroſſen viel Unbehaglichkeit ertragen; ſie ſtählen ſeinen Mut angeſichts körperlicher Gefahren; ſie befördern ſeine Entſchloſſenheit, ſein Geſchick, das Rechte zu ſehen und unbedenklich ſofort und mit Nachdruck zu tun; ſie erziehen zu ſchnellem Regieren und Gehorchen, ſowie zu kameradſchaftlicher Hilfsbereitſchaft behufs Erreichung eines gemeinſamen Zieles; ſie verlangen vielfache Entſagung und Selbſtüberwindung, freiwillige Unterordnung unter ſorgfältig zu beobachtende Spielgeſetze, bereitwillige Uebernahme oft undankbarer und untergeordneter Rollen im Spiel, peinliche Aufrechterhaltung des„fair play“ und Wahrung der Rechte auch der Gegner; ſie erziehen zur Selbſtändigkeit, und verlangen und befördern Charakterfeſtigkeit, Zähigkeit und Ausdauer; ſie entzünden in der Bruſt des Knaben den Eifer, für das Ganze, die Partei, die Schule ſein beſtes Können einzu⸗ ſetzen... Es iſt höchſt wichtig, daß die Knaben in den Freiſtunden harmloſen Unterhaltungsſtoff in Fülle haben. Die verſchiedenen Sports und Schulſpiele gewähren den notwendigen und durchaus ge⸗ ſunden Stoff und ziehen ohne Frage die Gedanken der Knaben von bedenklichen Gegenſtänden ab. Wenn ſie täglich im Freien ordentlich ausgetobt haben, gehen die Knaben abends müde zu Bette, Appetit und Schlaf ſind in beſter Ordnung und in der Freizeit ſind ihre Gedanken nicht bei Kneipereien oder Liebes⸗ geſchichten, ſondern beim friſchen und fröhlichen Sport.“
Möchten die Eltern unſerer Schüler dieſe Worte eines Deutſchen, der den Wert der Jugendſpiele in England ſchätzen gelernt hat, beherzigen und darnach handeln.


