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Die Handels⸗ und Induſtrieſtadt Glasgow iſt mit ihren über eine Million Einwohnern die größte Stadt Schottlands. Schön iſt ſie nicht, denn die Häuſer ſind ausnahmslos ſchwarz vom Rauch der zahlreichen Fabriken. Trotz der gewaltigen Ausdehnung der Stadt iſt für Erholungsmöglichkeit in reichem Maße geſorgt durch eine Reihe herrlicher Parke inmitten des Häuſermeers, durch kleinere Sportplätze und einen gewaltigen Fußballplatz, den größten Schottlands, auf dem an Samstagnachmittagen oft über 60 000 Menſchen zuſammenſtrömen.
Der Samstag iſt ein halber Feiertag. Es iſt kein Schulunterricht, und ſchottiſche Kinder wunderten ſich ſehr, daß das bei uns anders ſei. Die Arbeiter haben den Nachmittag frei. Die Wirtſchaften, die übrigens meiſt erſt um 5 Uhr nachmittags öffnen dürfen, machen am Samstagabend ihre beſten Geſchäfte. Über die Straßen wälzen ſich bis in die ſpäten Nachtſtunden ungeheure Menſchenmaſſen. Dazwiſchen ſpielt da und dort eine Kapelle der Heilsarmee oder einer ähnlichen Körperſchaft. Den Reden, die ſie zwiſchen den Stücken halten, hören freilich meiſt nur wenige zu. Viele Familien gehen Samstags aufs Land und bleiben bis Montag, wenn ſie nicht ſchon am Samstagabend zurückkehren wollen.
Der Sonntag iſt nämlich ein vollkommener Ruhetag. Kein Eiſenbahnzug geht, Wirtshäuſer, Theater und Kinos ſind geſchloſſen. Die Speiſehäuſer, die ja getrennt von den Schenken ſind, kaben nur kurze Zeit geöffnet, und ein Fremder hat ſeine Mühe, etwas zu eſſen zu bekommen. Fromme Leute halten es ſogar für ein Unrecht, Sonntags die Straßenbahn zu benützen. Die Kirchen ſind ſehr gut beſucht, trotzdem ſie ungemein zahlreich ſind. In Glasgow allein werden es wohl etliche hundert ſein. Die meiſten Schotten gehören der ſogenannten ſchottiſchen Kirche an, der von dem Reformator John Knox begründeten calviniſtiſcher Richtung. Daneben gibt es mehrere andere Kirchengemeinſchaften, ſowie eine Anzahl von Sekten. Die Quäker halten ihre Andachten in einem gewöhnlichen Saale ab und verzichten auf jede Ausſchmückung des Gottesdienſtes, auch auf den Pfarrer. Sie ſitzen ſtill bei⸗ ſammen, und wem eine Erleuchtung kommt, der ſteht auf und ſpricht. Die Kirche lehnen ſie ab und machen ihr beſonders zum Vorwurf, daß ſie nicht gegen den Krieg geweſen ſei.
Von meinem Standort Glasgow aus machte ich Ausflüge nach Orten und Gegenden, die mich intereſſierten. In einer Stunde brachte mich der Schnellzug nach Edinburg, der wundervollen Haupt⸗ ſtadt Schottlands und ſchönſten Stadt des britiſchen Reiches, die ſich ſtolz das moderne Athen nennt. Sie iſt die Stadt Walter Scotts(1771— 1832), der in ſeinen zahlreichen Romanen die Geſchichte ſeines Landes verherrlicht hat. Sein Name beſitzt daher in Schottland einen guten Klang. Seine Vater⸗ ſtadt hat ihm ein Monument an der Princes Street errichtet, jener breiten und eleganten Straße, die den Anſpruch erhebt, die ſchönſte in ganz Europa zu ſein. Vornehme Läden und Hotels grüßen von der einen Seite, Denkmäler und weite Gärten mit dem altehrwürdigen Schloß auf hohem Berg von der anderen. Von Princes Street ſteigt man 100 Stufen hinab und gelangt nach Waverley Station, dem angeblich größten Bahnhof der Welt. Darüber erhebt ſich u. a. ein mächtiges Hotel, das man, ohne den Bahnhof zu verlaſſen, betreten kann. Das ſindet man häufig, da Bahn und Hotel derſelben Geſellſchaft gehören.
An der St. Giles Kathedrale vorbei, neben der John Knox begraben liegt, gelangt man zu dem weithin ſichtbaren Schloß der alten Schottenkönige. Was hat ſich im Lauf ſeiner langen Geſchichte hier alles zugetragen! Seine Wände hallten einſt wider von dem Geräuſch froher Feſte der Stuarts, ſeine Mauern können berichten von altſchottiſcher Tapferkeit und mancher ruhmreichen Verteidigung. Maria Stuart ſchenkte hier einem Sohn das Leben, von dem die Geſchichte meldet, er habe ſpäter als Jakob I. den engliſchen Thron beſtiegen und ſei der Stammvater des engliſchen Königshauſes geworden. Doch Gerüchte reden davon, daß Marias Kind gleich nach der Geburt geſtorben ſei, und daß man ein anderes an ſeine Stelle geſetzt habe; ein Fund, den man im Schloß vor Jahren machte, ſoll das beſtätigt haben. In engliſchen Geſchichtsbüchern lieſt man freilich nichts davon. Heute erinnert auf dem Schloß nur noch wenig an die alte Herrlichkeit. Zwar befindet ſich noch im ehemaligen Krönungszimmer, wohl verwahrt hinter dicken Eiſenſtäben, die alte Krone der Stuarts, und im Schloßhof ſtehen noch drohend die alten Kanonen, doch die früheren Prunkräume ſind zum Teil leer, zum anderen dienen ſie als Kaſerne. Am Schloßeingang erblickt man eine Schildwache, die dem Fremden nicht nur


