Jahrgang 
1925
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Der Familienanſchluß war natürlich für den Hauptzweck meiner Reiſe, die Erweiterung meiner Sorachkenntniſſe, von größtem Wert, da ich dadurch auch zu vielen anderen Leuten in Beziehung trat. Beſonders war es ein blinder Greis, ein Quäker, der ſich in geradezu rührender Weiſe meiner annahm und ſtets dafür ſorgte, daß ich Gelegenheit zum Sprechen, Studieren und Schauen hatte. Den Quäkern müſſen wir ſehr dankbar ſein für das, was ſie in den hinter uns liegenden ſchweren Jahren, zum Teil ganz in der Stille, für uns getan haben. Mehrere habe ich übrigens geſprochen, die Jahre lang im Gefängnis ſaßen, weil ſie es nicht mit ihrem Gewiſſen vereinbaren konnten zu kämpfen. Außer ſolchen ausgeſprochen deutſchfreundlichen Kreiſen lernte ich auch Leute kennen, die ihnen ferner ſtehen. Doch nirgends trat man mir unfreundlich entgegen, meiſt mit einer gewiſſen Neugier und vielfach mit großem Entgegenkommen. Von einem adligen Herrn, mit dem ich wiſſenſchaftliche Fragen zu beſprechen hatte, war ich einmal in ſein Landhaus eingeladen. Er zeigte mir Bilder dreier Offiziere, ſeines einzigen Sohnes und ſeiner zwei Neffen, die alle im Kriege gefallen waren, ſowie das ſeiner Frau, die infolge⸗ deſſengebrochenen Herzens geſtorben war. Und doch zeugte die Art und Weiſe, wie man mir in dieſem Hauſe entgegentrat, von einer Verſöhnlichkeit, die nicht ohne Eindruck auf mich geblieben iſt. Allerdings wurde ich von befreundeter Seite öfter warnend darauf hingewieſen, daß wir noch viele Feinde drüben hätten. Doch habe ich ſelbſt von Feindſeligkeit durch das Volk nichts verſpürt. Nun bin ich allerdings in Schottland geweſen, in England ſoll die Stimmung noch vielfach ſehr gegen uns ſein.(Vergleiche A. Knoch, Zeitſchrift für franzöſiſchen und engliſchen Unterricht 1924, Seite 289 f.)

Bei der deutſchfeindlichen Einſtellung der meiſten Zeitungen iſt das auch kein Wunder, hat doch allein die oben erwähnte Daily Mail gegen zwei Millionen Leſer! Während der Londoner Beratungen ſprachen ſich die meiſten Blätter gegen den Dawesplan aus. Nur wenige ſchrieben zuſtimmend. Aber ich hörte eine Reihe von Leuten, die ſich ehrlich darüber freuten, daß die Verhältniſſe in Deutſchland ſich jetzt vorausſichtlich beſſern würden, trotzdem die Annahme des Dawesgutachtens nach ihrer Anſicht die Arbeitsloſigkeit in ihrem Lande vergrößern mußte.

Und die Arbeitsloſigkeit war ſchon ſehr groß. In Glasgow allein wurde die Zahl der Arbeits⸗ loſen auf 60 bis 70 000 angegeben, in den Arbeitervierteln ſtanden ſie in Maſſen herum, ein paarmal wurde ich von ihnen angebettelt. Auch ſonſt iſt der Krieg nicht etwa ohne Nachwirkungen geblieben. Alles iſt teurer als früher. Auf den Straßen ſingen, ſpielen und betteln Kriegsinvaliden. Überall er⸗ innern Denkmäler und Gedenktafeln an die erlittenen Verluſte. Intereſſant ſind die Inſchriften darauf. Ein paar Wochen vor meiner Ankunft war vor dem Rathaus in Glasgow ein wuchtiges Krieger⸗ denkmal enthüllt worden. Bemerkenswert iſt vielleicht, daß ein anderes Denkmal an derſelben Stelle vorher entfernt ward, das des Großvaters des jetzigen Königs, der bekanntlich ein deutſcher Prinz war. Auf dem Denkmal ſteht u. a., daß im ganzen 8 654 465 Mann in der Heimat und draußen in S. M. Streit⸗ kräften gedient haben, und ferner der Spruch:These died in war, that we at peace might live. (Dieſe ſtarben im Krieg, damit wir in Frieden leben können). Auf einem Denkmal für die Gefallenen eines Truppenteils las ich: Dem ruhmreichen Andenken derer,who to uphold liberty and justice in the world laid down their lives(die, um Freiheit und Gerechtigkeit in der Welt zu ſchützen, ihr Leben hingaben). Auf anderen wieder fehlten ſolche Zeichen echt engliſcher Anmaßung und Heuchelei, hier hieß es einfach: denen, die im großen Kriege fielen. Perſönlich berührte es mich, als ich auf dem Friedhof einer kleinen Stadt den Gedenkſtein für einen Soldaten erblickte, der nach der Inſchrift am ſelben Ort und Tag gefallen war, an dem auch ich mit knapper Not dem Tod entging und in Gefangenſchaft kam.

Bei uns iſt es üblich, Schottland als einen Teil Englands anzuſehen. Die Schotten wollen jedoch davon nichts wiſſen. Sie haben ſehr viel Nationalſtolz und legen großen Wert auf ihre nationale Eigenart und Selbſtändigkeit. Mit den Engländern zuſammen bilden ſie Großbritannien, aber ſie wollen ganz und gar keine Engländer ſein. Wenn ein Ausländer etwa Glasgow als eine Stadt Englands bezeichnete, würde das ſehr befremden. Ein Schotte verglich mir gegenüber das Verhältnis mit dem Bayerns zu Preußen, denn, ſo behauptete er, die Engländer ſeien ebenſo anmaßend wie dieſe! Der alte Gegenſatz, der in früheren Jahrhunderten ſo viel Blut gekoſtet hat, beſteht alſo zu einem gewiſſen Grade noch heute.