Jahrgang 
1925
Einzelbild herunterladen

Reiſeerinnerungen aus Schottland.

3 Von Studienaſſeſſor Dr. A. Heldmann.

Die Studienreiſe, die ich Anfang Auguſt 1914 nach England antreten wollte, mußte ich damals auf unbeſtimmte Zeit verſchieben, da plötzlich andere Aufgaben an die deutſche Jugend herangetreten waren und überdies auch dieſes Land uns am 4. Auguſt den Krieg erklärte. Das Geſchick wollte es, daß ich noch während des Krieges England kennen lernen ſollte, allerdings auf eine Weiſe, die ich mir 1914 nicht hatte träumen laſſen: als ſchwerverwundeter Kriegsgefangener. Die Behandlung, die ich erfuhr, war nicht darnach, meine Gefühle für die Vettern jenſeits des Kanals zu heben, denn ſie war zum großen Teil ſchlecht und unwürdig. Wir kehrten daher mit einem gewiſſen Haß in die Heimat zurück. Doch die Beſchäftigung mit der engliſchen Sprache und Literatur weckte in mir den Wunſch, ſo bald wie möglich die früher geplante Reiſe auszuführen. Die Nachrichten von drüben lauteten vor⸗ läufig freilich ungünſtig. Dennoch nahm ich erfreut an, als ich im Sommer 1924 durch das Engliſche Seminar der Univerſität Gießen die Einladung einer ſchottiſchen Familie in Glasgow erhielt, die ſich erbot, einen Deutſchen eine Zeitlang als Gaſt aufzunehmen. Verſehen mit dem Viſum des britiſchen

Konſuls, das man nur erhielt, wenn man eine Einladung von drüben vorzeigte, trat Dich Anfang Auguſt 1924 die Reiſe an, genau zehn Jahre nach meinen erſten Vorbereitungen.

Von Bremen aus fuhr ich auf einem kleineren deutſchen Dampfer als zufällig einziger Reiſender in anderthalb Tagen nach Hull an der Humber⸗Mündung. Das etwas ſonderbare Gefühl, das mich beſchlich, als ich dann wieder in einem englichen Zuge ſaß, zuſammen mit Engländern, die mich nicht mit Bajonetten bewachten, wird nur der begreifen können, der ſelbſt in Kriegsgefangenſchaft war.

Ein mir gegenüber ſitzender Herr reichte mir ſeine Zeitung, kommt es doch drüben nicht vor, daß jemand ohne eine ſolche reiſt. Es war eine Daily Mail, eines der ſchlimmſten englichen Hetzblätter. Mit Intereſſe las ich darin, daß das Blatt von Leuten, die es ſicher wüßten, erfahren habe, Deutſch⸗ land werde in zwei Jahren völlig ausgerüſtet und zu einem neuen Kriege vorbereitet ſein, ſchlimmer und ſchrecklicher als der letzte. Das war alſo immer noch der gleiche Ton, mit dem ſchon während des Krieges das deutſche Volk verleumdet und das engliſche verhetzt worden war! Mit dem Herrn kam ich dann ins Geſpräch, und es ſtellte ſich heraus, daß wir 1917 in Flandern gegeneinander gekämpft hatten. Das hielt ihn indeſſen nicht davon ab, mich ſehr zuvorkommend zu behandeln und mir beim Umſteigen in der alten Stadt York behilflich zu ſein, worauf wir im Schnellzug nach Schottland noch etwa zwei Stunden miteinander fuhren. Wir unterhielten uns aufs beſte, wobei er mir auch eine Probe ſeiner deutſchen Schulkenntniſſe gab, indem er die Lorelei in ſehr ſchöner engliſcher Ausſprache vortrug. Er meinte, wir beide ſeien ja nicht verantwortlich für den Krieg, ſondern die deutſche Regierung und das deutſche Volk. Auch verſäumte er nicht zu betonen, daß England in den Krieg eingetreten ſei um des Belgien angetanen Unrechts willen. Das gleiche erlebte ich ſpäter noch öfter. Den einzelnen Deutſchen laſſen es die Briten nicht entgelten, aber faſt alle ſind, da ſie es immer und immer wieder leſen, der feſten UÜberzugung, Deutſchland habe den Krieg veranlaßt und England in ſelbſtloſer Weiſe als die Beſchützerin der kleinen Nationen ihn geführt. Wie oft bin ich dem entgegengetreten! Ab und zu hörte ich allerdings auch andere Anſichten. So war ich einmal zugegen, wie ſich ein Herr mit ſeiner Schwiegermutter darüber ſtritt. Er erklärte, der Kaiſer ſei ein viel zu weiſer Herrſcher geweſen, um ſein Volk in einen ſolchen Krieg zu ſtürzen, während die alte Dame Wilhelm II. als einen böſen und ruchloſen Menſchen bezeichnete, Eduard VII. dagegen als hervorragenden Fürſten und Friedensſtifter pries.

. Der Empfang durch meine Gaſtgeber in Glasgow überraſchte mich, da ich ihn mir ſo herzlich

nicht vorgeſtellt hatte. Als die Dame des Hauſes hörte, daß ich in engliſcher Kriegsgefangenſchaft geweſen und nicht beſonders gut behandelt worden ſei, verſprach ſie freundlich, es wieder gut machen zu wollen. Und das hat ſie nach Kräften verſucht. Voll Dankbarkeit werde ich ſtets der deutſchfreundlichen Familie gedenken, die alles tat, mir das fremde Land heimiſch zu machen.