Für ihr zahlreiches Erſcheinen freundlich dankend, heiße ich alle unſere éäſte, die bertreter der Behörden, der Kirche, der Schulen, der preſſe und vor allem die Hngehörigen unſerer Schülerinnen willkommen. Möge aus der ſchönen harmonie unſeres heutigen Feſtes das éefühl der Zuſammen— gehörigkeit aller Erſchienenen erſprießeen, damit wir Lehrer und Lehrerinnen auch außerhalb unſerer Schule treue Miterzicher haben zum Wohle und zum Segen unſerer Zöglinge.
6roße Dankbarkeit erzeugt großes pflichtgefühl. Und wenn wir, liebe mtsgenoſſen, uns beſtreben, das in uns geſetzte dertrauen durch treue frbeit zuſammen zu verdienen, dann ſteigt wohl heute in unſerem Innern die Frage auf:„Wird das Heue, das wir beginnen, auch zu einem geſegneten Erfolg führen? Wird die 6röße der geſtellten Hufgabe nicht über unſere Kraft gehen?“ und bange Sorge be— ſchleicht vielleicht eines manchen herz. Da aber möchte ich uns ein Wort des Troſtes aus hohem unde zurufen, ein Wort, das den Zugang zu einer großartigen Heuſchöpfung der Kunſt, das Husſtellungs⸗ gebäude droben auf der Mathildenhöhe, ſchmückt:
„Habe Ehrfurcht vor dem lten
Und Mut, das Heue friſch zu wagen; Bleibe treu der eigenen ſlatur
Und treu den Menſchen, die du liebſt!“
Mit Ehrfurcht ſollen wir das flte betrachten, ehrfürchtig von den Ülten lernen, denn auch ſie haben gerungen und geſtrebt nach Wahrem, Schönem, 6utem. Und aus der reich fließenden Quelle der dergangenheit wollen wir die Luſt und die Kraft und den Ilut ſchöpfen, neues Wahres, Schönes und 6utes friſch zu wagen und zu vollbringen. Zu dieſem dollbringen gehört aber vor Hllem die lreue gegen uns ſelbſt und die Feindſchaft gegen alle Unnatur. Darum wollen wir, Lehrer wie Schüler, uns heute geloben, treu zu bleiben der eigenen Natur und eine Schülergemeinde zu bilden, die ſich in treue liebt. Ireu zuſammenhaltend, einander leitend, ſtützend und fördernd wollen wir entgegenſtreben dem höchſten Ziele der Menſchheit— wahrer herzensbildung. Wenn wir Lehrer und Lehrerinnen mit Freuden an unſere pflicht herantreten, wenn wir mit Freundlichkeit und Liebe die uns anvertrauten Kinder führen und lenken zum 6uten, dann werden ſie bis weit über die Schulzeit hinaus in treue an ihrer Schule und an denen hängen, die in ihr den 6rund zu ihrer Bildung gelegt haben.
Eine neue Schule, wie die unſere, muß Neues bringen und vollbringen, und dazu gehört Mut, be⸗ ſonders wenn ſich die erhofften Erfolge nicht ſchnell genug zeigen. Huch Mißerfolge und Mißgunſt können uns beſchieden ſein. Dann wollen wir uns immer wieder des ſchönen Wortes unſeres geliebten Landesfürſten erinnern, wollen mit Mut und Treue vorwärts ſtreben; und es wird alsdann der rechte 6eiſt in unſere Schülergemeinde einziehen, der öeiſt der Treue, der éeiſt der Liebe und mit ihnen der 6eiſt der Freude. Daß die Erziehung unſerer jungen Mädchen den erhöhten Hnſprüchen der Jetztzeit mehr angepaßft werden müſſe, hat ſchon lange alle die bewegt, die ſich durch ihren Beruf oder aus Liebe zur Sache mit dieſer Frage beſchäftigten. Hllgemein trat der Wunſch und die Forderung hervor, daß die Mädchenerzichung eine andere, eine zweckmäßigere werden müſſe. Die Löſung dieſer Rufgabe wurde in Deutſchland zuͤerſt von preußen verſucht, wo im Jahre 1908 die neuen Lehrpläne erſchienen. In ihnen wurde für Ppreußen der Husbau aller höheren Mädchenſchulen in zehnſtufige nſtalten erſt durchgeführt, eine Einrichtung, die wir in heſſen ſchon lange hatten. Hls Jleuerung aber brachten die preußiſchen Lehrpläne die Ingſiederung von Studienanſtalten, Lehrerinſeminaren und Frauen- ſchulen an die höheren Mädchenſchulen; für die Entwicklung des deutſchen Schulweſens ein großer Fortſchritt, aber für die Begriffe vieler die denkbar unpraktiſchſte Löſung der Frage.
Dadurch, daß die Studienanſtalt an die höhere Mädchenſchule angegliedert iſt, alſo neben ihr her⸗ läuft, iſt die 6abelung in eine viel zu frühe Zeit gerückt. Die Kinder müſſen ſich ſchon mit 13 Jahren entſcheiden, ob ſie ihre Bildung auf qumnaſialer oder realer 6rundlage erwerben wollen. So hoch auch die 6elegenheit, auf den verſchiedenſten Wegen zum Reifeexamen zu gelangen, einzuſchätzen iſt, ebenſo bedenklich iſt das Derlangen einer Entſcheidung in ſo frühem Lebensalter, zumal in einer Zeit, die eine ſtarke Hinneigung zur éinheitsſchule ſpüren läßt. Unſere feſſiſche Regierung hat dieſen Fehler ver⸗ mieden und hat die Lehrpläne den heutigen nforderungen ſo anzupaſſen verſucht, daß die zehnſtufige Hnſtalt die für alle Mädchen gemeinſame, eine reale Bildung vermittelt, und daß auf dieſer Schule ſich einerſeits die Studienanſtalt und das Lehrerinnenſeminar, andererſeits die Frauenſchule aufbaut. So fällt die Entſcheidung, ob Studienanſtalt, ob Frauenſchule oder keines von beiden, erſt in das 16. Febensjahr, ein in die Hugen ſpringender, nicht zu unterſchätzender Dorzug der preußziſchen Ein— richtung gegenüber. Die Folgen des preußiſchen Fehlers haben ſich auch ſchon gezeigt; denn in vielen städten diefes Tandes ſind bis jetzt Frauenſchulen nicht zuſtande gekommen. Ich glaube, es liegt daran, daß viele Mädchen ſich mit dreizehn Jahren für die Studienanſtalt entſchieden haben und dieſe dann nicht mehr gerne verlaſſen.
Ruf der anderen Seite hat aber auch vielfach das Elternhaus aus Unkenntnis der neuen Schul⸗ gattung mißtrauiſch oder doch wenigſtens gleichgültig gegenübergeſtanden, und endlich erblickten die Frauenvereine in ihr eine 6efahr für ihre eigenen Beſtrebungen und arbeiteten gegen die éinrichtung der Frauenſchule. Don Mißtrauen und éleichgültigkeit des Elternhauſes haben wir in Darmſtadt noch nichts gemerkt— im 6egenteil— wir haben ſchon jetzt etwa 10 nmeldungen für die Frauenſchule und hoffen, durch gute Leiſtungen ihr in den kommenden Jahren immer mehr Schülerinnen zuzuführen.


