Jahrgang 
1906
Einzelbild herunterladen

So wertet Schiller die Künstler.

Von der geistig-sittlichen Bildungshöhe des Künstlers hängen die veredelnden Wirkungen seiner Kunst ab. Der Dichter muß sich selbst zur»reinsten herrlichsten Menschheit hinaufgeläutert- haben, sagt Schiller. Und er hat dies vollbracht:

Und hinter ihm, in wesenlosem Scheine, Lag, was uns Alle bändigt, das Gemeine.

Die»Glocke« konnte nur dichten, wer selbst ein reingestimmtes Gemüt besaß, in dem die frohen und die ernsten Glockenklänge des Lebens einen klaren tiefen Widerhall fanden. Die be- glückende Schaffenslust des Glockengießer-Meisters erfüllte Schiller selbst bei seinem Lebenswerk. So lieb und traut wars in seinem eigenen Heim, wie er deutsches Familienglück in seinem hehren Gedicht schildert. So ernst und streng nahm er es selbst mit allen Pflichten des Lebens, wie er es vom Bürger des Vaterlandes fordert, damit Sitte und Zucht, Ordnung und Gesetz herrsche und die Wohlfahrt gedeihe. Was er dargestellt in seinen Meisterdramen, den erhaben heldenhaften Kampf des Menschen mit dem ehernen gewaltigen Schicksal, das hatte er selbst gelebt und durchkämpft, erlitten und errungen.»Dem Leiden war er, war dem Tod vertraut. Werk auf Werk gewann er, in Leiden bangend, kümmerlich genesend, dem herannahenden Tode ab: soviel Meisterwerke, soviel Triumphe des unsterblichen Menschengeistes über die Vergänglichkeit des Irdischen.

Eine Vorfreude der Unsterblichkeit zu genießen ist Schiller schon im Leben beschieden ge- wesen durch die jubelnde Aufnahme, die seine Werke fanden, doch konnte erst die Zeit sein groß Verdienst in seiner ganzen Größe seinem Volk zum Bewußtsein bringen.

So feiert Ihn! Denn was dem Mann das Leben Nur halb erteilt, soll ganz die Nachwelt geben.

Das deutsche Volk hat Goethes Mahnung eingelöst: Er ist unser geblieben.

Von Schillers Geist befruchtet stimmten die Sänger der Freiheitskriege ihre Weisen an, die unserer Väter Herzen erhoben auf der kampfesschweren Siegesbahn.

Als der hundertste Geburtstag des Dichters gefeiert wurde im Jahre 1859, wo es wie Morgen- duft witterte um den alten schlafenden Kaiser Friedrich im Kyffhäuser, da fand sich ganz Deutschland zusammen im Aufblick zu seinem Schiller und vieltausendstimmig erhob sich der Rütlischwur in allen

deutschen Landen.. 1 II 4 Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern, In keiner Not uns trennen und Gefahr.

Und jetzt zur Hundertjahrfeier der Verklärung Schillers, was soll da der Kern unserer Fest- stimmung sein? Kaiser und Reich sind wiedererstanden. Nun siehe zu, du deutsches Volk, daß der Schillersche ideale Lebensgehalt in deinem Innern nicht schwinde. Laß dir deinen Wert nicht rauben, halte fest zu den von deinem Schiller dir ans Herz gelegten Mächten der»Drei Worte des Glaubens«, wahre dir Freiheit, Tugend und Frömmigkeit, dann, aber nur dann wirst du schreiten

Stolz von Jahrhundert zu Jahrhundert, An Kraft und Ehren ungeschwächt.«

Die Fürsorge und Gastlichkeit des Magistrats ermöglichte es der Anstalt, so wie es den Gesinnungen der Lehrer und Schüler entsprach, die Zweihundertjahrfeier der Stadt Charlotten- burg mitzubegehen. Als ältester höherer Lehranstalt hierselbst war dem Kaiserin Augusta-Gymnasium eine bevorzugte Stelle bei der Spalierbildung eingeräumt, die zum Empfang des Kaisers bei der Ent- hüllung des Kaiser Friedrich-Denkmals auf dem Luisenplatze am Hauptfesttage, dem 27. Mai 1905, stattfand. Dem Direktor hatte die Stadt hierzu mehrere Tribünenkarten zur Verfügung gestellt und ebenso zur Teilnahme an den Feierlichkeiten im neuen Rathause, dem Festmahl am Nachmittag des 27. Mai, sowie dem Festakt am Vormittag und dem Bürgerfest am Abend des 28. Mai Einladung an ihn ergehen lassen.

Beim Festakt überreichte der Direktor die nachstehende, von dem ersten Professor des Gymnasiums und besten Kenner seiner Vergangenheit, Herrn Dr. Gottschick, entworfene, vom Zeichenlehrer Herrn Maler E. Neumann künstlerisch ausgeführte und von allen Mitgliedern des Kollegiums unterzeichnete Adresse:

.»ur Feier des 200 jährigen Bestehens bringen der Stadt Charlottenburg Direktor und Lehrer- Kollegium des Königlichen Kaiserin Augusta-Gymnasiums in freudiger Bewegung ihre Glückwünsche dar.

Von der Stadtverwaltung nicht gegründet und ihr nicht unterstehend, hat unser Gymnasium doch als älteste höhere Schule am Orte mit Charlottenburg und seinen Behörden von jeher in engen Beziehungen gestanden. Die Anfänge unserer Anstalt reichen ja in eine Zeit zurück, wo die jetzige Großstadt nur wenige tausend Einwohner zählte, und sie war noch eine kleinere Mittelstadt, als die UÜbernahme unserer Schule durch den Staat erfolgte. Seitdem ging mit dem ungewöhnlichen Auf- schwung Charlottenburgs auch die Entwicklung des Königlichen Pomadnuns Hand in Hand, das bis in die Mitte der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts als einzige höhere Lehranstalt die Söhne der emporblühenden Stadt mit der Vorbildung für akademische Studien ausstattete.