Jahrgang 
1906
Einzelbild herunterladen

1

Die Ansprache des Direktors hatte den Inhalt:

»Denn er war unser!« So klingts als Grundton hindurch durch Goethes Epilog zu Schillers Glocke, den Nachruf, den er bei der ersten Totenfeier Schillers im Lauchstädter Theater am 10. August 1805 dem verewigten Freunde widmete.

Dachte Goethe hierbei zunächst an den engeren Kreis derer, die in einer näheren Lebens- gemeinschaft mit Schiller gestanden hatten, so gilt dies»Denn er war unser!« seitdem in ungleich weiterem Umfange. Und auch wir wollen heute bei der ernstweihevollen Hundertjahrfeier von Schillers Todestag das Bekenntnis und Gelübde erneuern und bekräftigen: Er war unser, er ist unser, er soll unser sein immerdar!

Von den zwei Seelen in der Menschen Brust, der einen, die sich hält an die Welt mit klammernden Organen, und der anderen, die sich hebt zu den Gefilden hoher Ahnen, leuchtet diese andere, hochstrebend ideale, dem Deutschen nirgendwo strahlender und sonnenwärmer, als in Schillers Genius.»Von allen tiefsten deutschen Seelenkräften Du Inbegriff und reiner Widerhall«, so ruft Ernst von Wildenbruch in seinem»Heros bleib bei uns!« ihm zu.

Die Gemütstiefe der deutschen Natur verlangt mit mächtigem Drang nach Freiheit in der Ausgestaltung der ganzen geistig-sittlichen Persönlichkeit. Hemmender Zwang von außen steigert nur diesen Drang und läßt ihn, bei zunehmendem Druck, zu leidenschaftlichem Ungestüm anschwellen. Die Zustände in Deutschland während des Niedergangs des Zeitalters Friedrichs des Großen wurden von den freieren Geistern als unerträglich empfunden, der aller volkstümlichen Einrichtungen entbehrende Staat als Zwangsanstalt gehaßt, die Unwahrheit und Hohlheit in den verkünstelten Formen der be- stehenden Gesellschaftsverfassung verabscheut. Unter den Einwirkungen der von Frankreich herüber- dringenden Weckrufe zur Freiheit, insbesondere den von Rousseau erhobenen, entfesselte sich in dem damaligen Jungdeutschland ein Sturm und Drang nach innerer und äußerer Befreiung.

Den Löwensprung unter den hochgemuten jungen Stürmern und Drängern tat der einund- zwanzigjährige Schiller mit seinen»Räubern«. Der aufspringende Löwe mit dem Flammenwort»in tyrannos«, auf dem Titelblatt der zweiten Auflage bildet das Motto für den Inhalt des Stücks: Sieg und

reiheit dem guten Geist im Menschen, Untergang der Lügenbrut!

Der Beifallssturm, den die erste Aufführung der Räuber im Mannheimer Theater heryvorrief, und der sich fortpflanzte über ganz Deutschland, bewies, wie vielen Tausenden seiner Landsleute Schiller aus der Seele gesprochen hatte. Sein Name war nunmehr in aller Munde.

Atmeten die Räuber heiße Kampfeslust des unter schwerem Drucke Knirschenden, so ertönt das Lied»An die Freude« als eine Jubelhymne des Befreiten, des Beglückten. Er hatte einen Freund gefunden, seinen nächsten und vertrautesten, seinen Körner. Durch ihn gewann er zum ersten Mal eine sorgenlose ungestörte Muße und konnte des Lebens Angste hinwegwerfen, ihn sah er beglückt durch eine holde Braut, und in der innigen Gemeinschaft mit Körner und denen um ihn entfaltete sich in ihm der ganze Reichtum des deutschen Mannesgemüts an Glaube, Liebe und Hoffnung. Selbst glück- lich, ruft er die Welt auf, in brüderlicher Einigkeit und gemeinsamem hohen Streben glücklich zu sein:

Seid umschlungen, Millionen! Diesen Kuß der ganzen Welt!

Mit dem Fortgang der Jahre»schritt sein Geist gewaltig fort ins Ewige des Wahren, Guten, Schönen«. Geschichte und Philosophie mehrten und klärten die Ideenfülle seines Denkerhaupts. Ein Weltbild entstand vor seinem inneren Auge, das Anmut und Würde, Schönheit und Erhabenheit in vollkommener Harmonie vereinigte.

Längst hatte er den Kampfplatz verlegt. Nicht mehr die Wirklichkeit in Staat und Gesellschaft umzugestalten trachtete er als gereifter Mann, sondern die Geister aus des Lebens Drang und Enge durch geistige Mittel zu befreien, war nunmehr sein Ziel.

Die Kunst besitzt die Kraft, die Menschheit aus dem Zustand der Roheit und der Verderbnis zu erheben, in dem die blinden Begierden walten, und sie vorzubereiten für das Reich der Vernunft, in dem Sittlichkeit und Wahrheit herrschen.

Vor dem echten Kunstwerk schweigt die Begierde, es fesselt den Menschen durch den Zauber der Schönheit, die schöne Form gewinnt ihn für die schöne Seele im Kunstwerk, für das Große und Erhabene, für das Gute und Edle, das der Künstler in sein Werk hineingelegt.

Reines, freies Wohlgefallen erweckt die Kunst im Menschen, das Reinmenschliche löst sie in ihm aus, sie stellt die Einheit des Wesens in ihm her, die die Berufstätigkeit mit ihrer Einseitigkeit in ihm geschädigt, sie vereinigt in gleichem Genuß die verschiedenen Bevölkerungsschichten, die der Kampf ums Dasein geschieden und verfeindet, sie umschlingt mit sanften Banden die Völker und mildert ihre Gegensätze durch Mehrung des ihnen gemeinsamen Geistesschatzes.

Die Harmonie in der Kunst wirkt zurück auf die Harmonie im Menschen und unter den

Menschen. In der Welt des schönen Scheins lernt der Mensch einen vernünftigen Gebrauch von seiner Freiheit zu machen, denn hier gibt es nur Freiheit innerhalb des Gesetzes.

Der Menschheit Würde ist in Eure Hand gegeben, Bewahret sie! Sie sinkt mit Euch! Mit Euch wird sie sich heben!