Einweihung des neuen Realschulgebäudes am 19. Oktober 1909.
Da hierüber in der Ortspresse eingehend berichtet wurde, so wollen wir nur der Chronisten- pflicht genügen, wenn wir das Folgende in aller Kürze wiedergeben.
Nach einem Gottesdienste für die katholischen Schüler sammelten sich das Lehrer- kollegium und die Schüler im alten Schulgebäude, um unter Vorantritt einer Musikkapelle zum neuen Hause zu ziehen. Vor dem Portale fand unter den üblichen Ansprachen die Schlüssel- übergabe statt, an der beteiligt waren: der Schöpfer des Neubaus Herr Stadtbaumeister Koch, Herr Bürgermeister Neff, als Vertreter der obersten Schulbehörde Herr Geheimer Oberschulrat Nodnagel und der Direktor.
Die Festfeier in der Turnhalle wurde neben dem Schülerchor unter Leitung des Herrn Reallehrers Gerhard in dankenswerter Weise durch die künstlerische Mitwirkung des Binger Orchestervereins unterstätzt. Die geräumige Halle war bis auf den letzten Platz von Festgästen angefüllt. Auf die Ansprachen der Herren Geh. Oberschulrat No dnagel, Bürger- meister Neff, Kreisrat Dr. Steeg, Rektor Wenzel folgte die Festrede des Unterzeichneten. Nach der Besichtigung des Hauses unter Führung des Herrn Stadtbaumeisters fand ein Fest- mahl im Pariser Hof statt, an dem über hundert Gäste, darunter auch der Herr Regie- rungsvertreter, teilnahmen. Eine Fülle von Toasten und Reden, sowie humorvolle Tischlieder würzten das Mahl. Die zahlreich eingelaufenen brieflichen und telegraphischen Glückwünsche in Poesie und Prosa bekundeten die treue Anhänglichkeit an die Schule. Der Verlauf der er- hebenden Feier entsprach der Befriedigung über das gelungene Werk.
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Es möge verstattet sein, den Schluß der Ansprache des Unterzeichneten, sowie das uns von geschätzter Seite gewidmete, von dem Obersekundaner Fischel vorgetragene Weihege- dicht hier wiederzugeben.
„. Und schließlich an Euch, liebe Schüler, ein Wort zu richten, ist heute die rechte Gelegenheit. Solche Tage, die so eindrucksreich sind, wie der heutige, so un- mittelbar Euch berühren, sind in Eurem jungen Leben selten. Mahnungen in solcher Stunde und an solcher Stätte werden einen wohlvorbereiteten Boden finden. Das Schulhaus ist für Euch gebaut; die das ausgeführt haben, waren von dem Gedanken geleitet, kunstsinniges Empfinden in Euch zu erwecken. Haltet darauf, daß Euch erhalten bleibt, was Euch ge- schenkt ist. Daß jemand absichtlich in bösem Willen das Haus, und was es enthält, be- schädigen könnte, mag ich nicht denken, das wäre Barbarei, zeigte eine niedrige Gesinnung. Erneut heute den Vorsatz, in freier Wahrheitsliebe uns entgegenzutreten, die Lüge zu meiden, treu zu bleiben dem Vaterlande auch in ernsten Tagen voll schwarzen Gewölks und brausender Stürme.— Vertrauet Euren Lehrern, folgt gern ihrem Wort; verlaßt ERuch darauf, daß Euch durch die Schulordnung und die vorgeschriebenen Unterrichtsgegenstände keine willkürliche Last aufgelegt ist, sondern daß sie alle nach reiflicher Prüfung als not- wendig zu Eurer gründlichen Bildung erkannt sind. Und ich möchte bei einer so freudigen und erhebenden Gelegenheit es nicht unterlassen, auch den Schwächeren unter Euch Hoffnung und Mut zu erregen, zum frischen Handeln aufzufordern und das Vertrauen zu erwecken, daß ein solches Handeln endlich doch zum Siege führen wird.—
Eine edle römische Mutter, deren Namen Ihr aus dem Unterrichte kennt, hat einmal ein stolzes Wort gesprochen: Als jemand ihr gegenüber von seinen Schätzen prahlte, da zeigte sie selbstbewußt auf ihre Söhne und sagte:„Das ist mein Schmuck!“ Wenn Uhr, liebe Schüler,— und das wünschen wir Euch allen— im späteren Leben einmal wackere, tüchtige Männer geworden seid, deren Namen man in Ehren nennt, dann soll auch die


