Jahrgang 
1925
Einzelbild herunterladen

25

Das System der Pflanzen, ihre Xhnlichkeit und Verschiedenheit, ist zudem seinerseits der Ausdruck einer tieferen Ursache, deren Erkenntnis erst ein wirkliches Verstehen der Pflanze bedeutet und den Begriff einer Geschichte des Lebens auf dieser Erde vermittelt: Das System ist der Ausdruck für die Entwicklungsgeschichte des Pflanzenreichs, das nach unserem heutigen Wissen aus einfachen Anfängen zu seiner jetzigen Mannig- faltigkeit und Höhe aufgestiegen ist

Endlich drittens soll oder kann ein Schulgarten rein praktische Gärtnerkenntnisse vermitteln, er kann die Schüler mit den Grundzügen des Gartenbaus bekannt machen Das ldeal wäre hier, wenn jedes Kind sein eigenes Stückchen Land zur Verfügung hätte, um im Wettbewerb mit den andern aufzuziehen, was sein Herz sich wünscht. Ein solcher Arbeitsgarten verlangt viel Platz und viel Zeit; beides mehr, als uns hier zur Ver- fügung steht. Gartenbauunterricht aber ist hier nicht nötig wie in der Großstadt; haben doch die meisten Kinder zuhause einen Garten und bringen die Grundkenntnisse des Gartenbaus und der Landwirtschaft aus eigener Anschauung schon mit.

Faßt man aber die obigen beiden Ziele, die Physiologie und die Systematik der Pflanzen ins Auge, die an der höheren Schule unbedingt gelehrt werden müssen, und die an einer Volksschule meines Erachtens wenigstens zu ihrem Rechte kommen sollten, so entsteht die Frage: Bietet die nutzbare Umgebung des Schul- hauses genügenden Stoff, diese Fragen zu erörtern und klarzustellen? Und die Antwort heißt: Wohl uns, daß Wiesen und Ufer, Wald und Berg uns ins Fenster schauen und reine Luft unsere Schule umweht, aber um dem Schüler in der wenigen zur Verfügung stehenden Zeit einen Einblick ins Pflanzenleben und den Gestalten- reichtum und Zusammenhang des Pflanzenreichs zu geben, der sich zu geordneten Vorstellungen erhebt, dazu reicht nicht, was dort der Zufall bietet, dazu muß ein eigener Garten da sein, der das enthält, was in der Um- gebung fehlt, und dessen Inhalt der Lehrer stets aufs genauste kennt, was nur für einen kleinen Raum möglich ist. Diese selbstgezogenen Pflanzen bieten noch den Vorteil, daß man sie jederzeit besuchen und beobachten kann, sodaß man also ihre Lebensgeschichte während des ganzen Jahres, ihr Keimen, Wachsen, Blühen, Frucht- tragen und Sterben oder ihre Vorbereitungen auf den Winter beobachten kann; nur solche Geschöpfe lernt man wirklich kennen So entsteht Liebe zu den Pflanzen, zur Natur überhaupt, der rohe Zerstörungstrieb, allen Kindern mehr oder weniger eigen, wird gemindert, die Heimat wächst ans Herz, auch in ihren kleinen und unscheinbaren Dingen.

Aus diesem Gedanken heraus hat Vf. dicht bei der Schule ein kleines sonniges Plätzchen von der Stadt erbeten und erhalten, unmittelbar neben dem Schulhof, und hat in ihm seine Pflanzenschätze geordnet nach dem Vorbild der Natur, verteilt auf natürlichePflanzengemeinschaften. Da findet sich also in bescheidenstem Maßstabe, wie der Raum es zuließ, einWäldchen, ein StückchenWiese, ein kleinesFeld, ein sonniger, trockenerHügel, der zudem aus allerlei heimischem Gestein aufgebaut ist, heimatlichem auch in weiterem Sinne(Marburger Sandstein, Kalkstein von weither); sodann ein Wasserbecken für einige Vertreter der Wasser- und Sumpfflora. Den Grundstock für die Bepflanzung liefert die Heimat, im weiteren Sinne Deutschland, aber interessante und schöne Fremdpflanzen fehlen nicht und sollen in steigendem Mabße mit aufgenommen werden.

Und damit nicht genug. Unser Gärtchen ist zur Freude der Jugend auch eine Heimat und Herberge für viele Tiere Vögel trinken und baden sich im Wasser und um sie zu dauernden Bewohnern des Gartens zu machen, haben wir einige Nistkästen aufgehängt Eidechsen und anderes Kriechgetier hoffen wir anzusiedeln wie es Vf. schon früher gelungen ist; das Wasser beherbergt Fische, Frösche, Molche und Kleingetier, der game Garten zahlreiche Insekten, Schnecken und Gewürm, eine willkommene Gabe für den zoologischen Unterricht.

Welche Gelegenheit bietet der Garten nun in obigem Sinne, Pflanzen zu beobachten und zu vergleichen. Da wächst z. B. die eine auf dem sonnigen Hügel, ihre nahe Verwandte am oder im Wasser, eine dritte im Schatten, alle in gewissen Punkten verschieden und in anderen gleich Da klettert die eine Pflanze auf diese, die andere auf jene Weise, da trotzt die ganze Bewohnerschaft des Hügels der Trockenheit, der Pflanzen schlimmstem Feind, mit den verschiedensten Mitteln, aber immer mit Erfolg. Da blühen Dutzende unbekannter Blumen, wir setzen uns daneben mit dem Bestimmungsbuch in der Hand oder auf die Bank im Schatten: und in schrittweisem Beobachten, Punkt für Punkt bringen wir den Namen heraus! Ein eifriger Schüler bestimmt so vier oder fünf Pflanzen in einer knappenStunde, und manchmal kommt ihm die Pause zu frün. Wenn es regnet, liefert unser Gärtchen immer noch etwas für die Klasse. Selbst die reine Blumenpflege findet da etwas zu lernen, und manche Blume haben wir schon Schülern für ihren Hausgarten mitgegeben.

Unsere ganze Anlage ist ja noch jung, erst ein Jahr alt, und die 20jährige Erfahrung des Lehrers ist für solche Zwecke immer noch nicht groß genug, man lernt ja nie aus. So gibt es noch Wünsche und Hoffnungen, auf Vergrößerung des Platzes, auf eine Wasserleitung, auf freiwillige Beiträge zu den Kosten. Die Stadt hat den Zaun, eine Pumpe, wertvollen Steinabfall in liberaler Weise gestiftet, auch eine Pflanzenlieferung bestritten, andere wurden aus freiwilligen Beiträgen von Schülern beschafft. Der Vf. stiftete das Wasserbecken, ein freundlicher Gönner den Kalkstein, und viele Schüler und Schülerinnen schenkten Pflanzen oder wertvolle Hilfe; aber es gibt jedes Jahr neue Wünsche, und wichtige sind noch nicht erfüllt.

Hoffen wir, daß die Einsicht vom Nutzen des Schulgartens sich verbreite und daß das Wohlwollen unserer Eltern und Mitbürger seine fernere Entwicklung begleite und erleichtere.