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Zu Ehren des Geburtstages Seiner Majestät unseres allverehrten und geliebten Kaisers und Königs fand in der Aula unserer Anstalt um 11 Uhr eine Schulfeier statt, bei der Chorgesänge mit Gedichtvorträge abwechselten. Die Festrede hatte Professor Wehmeyer übernommen.
Der Gedankengang der Rede war folgender: Trotz alles Leids und alles Grausens hat auch der gegenwärtige furchtbare Krieg sein Gutes. Denn 1. schon der Ausbruch des Krieges, seine inneren Gründe und seine äussere Ursache befreit uns von dem süssen, aber gefährlichen Wahn, ein ewiger Friede sei schon auf Erden möglich.
2. Die Art, wie unsere Gegner diesen Krieg im Gegensatz zu uns führen, lehrt uns, dass wir einerseits stolz sein dürfen auf unsere viel höher stehende Kultur und Gesittung, dass wir anderseits aber, wenn wir siegen, nie das scharf geschliffene Schwert aus der Hand legen oder rosten lassen dürfen, denn es gilt gegen plötzlich ausbrechende Bestialität die zeitlichen und ewigen Güter zu schützen.
3. Der aufgenötigte Kampf gegen sieben hasserfüllte Feinde hat uns die tief, aber stets vergeblich ersehnte Einigkeit und brüderliche Einmütigkeit gebracht.
Am Schluss bemerkte der Festredner, dass es für den Kaiser, der zu der Erneuerung des deutschen Geistes durch seine Worte:„Ich kenne hinfort keine Parteicn mehr, ich kenne von jetzt ab nur noch Deutsche“ den grössten Teil beigetragen, keine schöneres Angebinde gebe, als wenn jeder Deutsche in dieser feierlichen Stunde den festen Entschluss fasst, alles zu meiden, was die schöne brüderliche Einmütigkeit im deutschen Volke stören könnte, vor allem den Dünkel des Hochstehenden und akademisch Gebildeten oder Adeliggeborenen oder Reichen den einfachen Leuten gegenüber.
Mit dem dreifachen Wunsche, dass unserm kaiserlichen Herrn ein glänzender Sieg und ehrenvoller Friede, sodann eine gesunde und fröhliche Heimkehr mit und zu den Seinen beschieden sei, endlich dass das Band des Vertrauens und der Liebe, das den Kaiser und das deutsche Volk in kraftvoller Einmütigkeit jetzt umschlingt, auch künftig ein gleich inniges und starkes bleiben möge, und mit dreifachem Hoch schloss die Rede.
Am Abend fand Festgottesdienst statt, zu dem sich Lehrer und Schüler einfanden. Später hielt der Kriegerverein eine„Festsitzung“ ab, an der sich die meisten Kollegen beteiligten.
Die schriftliche Prüfung begann am 15. Februar und dauerte bis zum 19. Februar. Es beteiligten sich an ihr 9 Schüler. Die mündliche Prüfung fand am 10. März unter dem Vorsitz des Unterzeichneten statt. Alle Prüflinge wurden für reif erklärt.
Kollege Knolle wurde am 2. Januar zum Militärdienst nach Meiningen einberufen. Seine Vertretung übernahmen die Herren Gottschalk, Henkel, Direktor Esau und Pfarrer Balzer. Die Vertretung fand auch weiter statt, als Herr Knolle zurückkehrte, aber infolge der Uebung erkrankt war.
Ein Jubel ohnegleichen erfüllte das so ernst dreinschauende Gebäude unserer Anstalt, als ganz plötzlich am 22. Februar der Leutnant Appel, unser lieber Kollege, erschien, um als Wieder- genesender die Stätte seiner Wirksamkeit mal wiederzusehen. Dem Abschiednehmen entzog er sich durch die Ausrede, er komme in einigen Tagen wieder. Hoffen wir auf eine baldige dauernde Heimkehr.
Vom kgl. Provimeial. Schulkollegium zu Cassel wurde der hiesigen Anstalt ein Schüler des Landerziehungsheims Haubinda bei Hildburghausen zur Prüfung überwiesen. Als die schriftlichen Arbeiten beendet waren, folgte das mündliche Examen am 19. März. Das Lehrerkollegium freute sich, dem Werner Dyhrenfurth aus Petershof in Schlesien die Reife zusprechen und die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Dienst erteilen zu können.


