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Am 23. März beteiligte sich unsere ganze Anstalt mit florumhüllter Fahne an der Beerdigung des jüngeren Sohnes des früheren Herrn Direktors Esau, des Referendar Ernst Esau, der am 5. März an der Pilica schwer verwundet wurde und am 18. März zu Hindenburg in Schlesien an seinen zahlreichen Wunden, aber in den Armen seiner liebevollen Eltern, verschieden und dann in die Heimat gebracht worden war. Professor Wehmeyer legte einen Kranz am Grabe nieder und widmete dem jungen Helden folgenden rühmenden Nachruf:
Im Namen der Lehrer des Kgl. Realprogymnasiums lege ich diesen Kranz an diesem Grabe nieder als Zeichen herzlichster und innigster Teilnahme an dem herben Verluste der verehrten Familie des langjährigen Direktors unserer Anstalt und als Zeichen tiefen Schmerzes über den Tod
unseres lieben ehemaligen Schülers, der im heiligen Kampf für das teure Vaterland die Todes- wunden empfing und also als Held auch für uns alle hier den Opfertod erlitten hat.
Als blondgelockten, lieblichen Knaben habe ich den Entschlafenen vor 16 Jahren kennen gelernt, ich habe ihn dann als Ordinarius und Lehrer in vier Fächern sechs Jahre lang unterrichtet und liebgewonnen. Als Student und Referendar ist er mir und meinen Herrn Kollegen ein teurer Freund geworden.
Was ihn so angenehm vor vielen anderen Akademikern auszeichnete, das war sein schönes, natürliches, von allem Hochmut freies, liebenswürdiges Wesen. Mit der Natürlichkeit verband sich ein sonnig-heiteres, immer fröhliches Gemüt. So kam es, daß er überall gern gesehen und allgemein beliebt war. Wie auf seine Eltern und Geschwister, so wirkte er auch auf die Jungen und die Alten in der Gesellschaft wie Sonnenschein belebend und erwärmend ein.
Diesen beiden schönen Vorzügen gesellte sich eine dritte Tugend— das war sein auf das ldeale, auf hohe Sittlichkeit gerichteter Sinn. So hielt er, obwohl von Kopfhängerei und Muckerei völlig frei, doch bei allem Vergnügtsein stets an der Tugend des Maßhaltens, der Mäbigkeit, fest. Aber der Entschlafene war auch ein Verächter alles unkeuschen Wesens. Er hielt an der hoch zu rühmenden Ueberzeugung fest, daß des edelsten Gefühls des menschlichen Herzens, der Liebe, nur ein sittlich hochstehendes, Hochachtung einflößendes, weibliches Wesen würdig sei.
So hält dieses offene Grab eine eindringliche Mahnpredigt an unsere Jugend, dem edlen Toten nachzueifern im Streben nach natürlichem, liebenswürdigem, heiterem Wesen und nach einem sittlich-maßhaltenden und sittlich-keuschem Lebenswandel.
Wir aber, Deine alten Lehrer und Freunde, werden Dir, teurer Entschlafener, über Grab und Tod hinaus ein innigfreundschaftliches Andenken bewahren.
Möge Dir die Erde leicht sein! Ruhe in Frieden!
Des 100 jährigen Geburtstags des Reichsschmieds Otto von Bismarck wurde am 31. März in würdiger Weise gedacht. Die Festrede hielt Herr Professor Bauwens.
Mit dem heutigen Tage verlässt Herr Professor Dr. Kiesel unsere Anstalt, an der er neun Jahre lang tätig war, um am Kgl. Gymnasium zu Hersfeld weiter zu wirken. Wir sehen unseren uns lieb gewordenen Amtsgenossen, einen Mann von vornehmer Gesinnung und edler Kollegialität, sehr ungern scheiden, und wünschen ihm von Herzen, dass er sich an der neuen Stätte seiner Wirksamkeit bald in jeder Hinsicht wohl fühlen und unser aller und Biedenkopfs oft und gern gedenken möge. Auch wir werden ihm ein gutes Andenken bewahren und ihm an seinem ferneren Geschick allezeit herzliche Teilnahme bezeigen.
Ich schliesse mit dem Wunsche, dass aus dem so furchtbar blutigen Kriege unser verehrter Herr Direktor Dr. Paulus und unser lieber Herr Kollege Appel sieggekrönt und unversehrt in unsere Mitte zurückkehren mögen.


