Jahrgang 
1915
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898

Am 1. August verliess unser Kollege, der Oberlehrer Wilhelm Appel, Biedenkopf, um als Leutnant der Reserve in den heiligen Krieg für Kaiser und Reich zu ziehen.

Am 6. August bestand unser Untersekundaner Friedel Strott die Kriegsprüfung, um sodann

ebenfalls zu den Fahnen zu eilen. Am 18. August wurde auch unser verehrter Herr Direktor Dr. Paulus zu den Waffen ein- berufen. Mit seiner Vertretung wurde der Unterzeichnete von dem Kgl. Provinzial-Schulkollegium

betraut. Da bei Beginn des Unterrichts nach den Ferien zwei Lehrer der Anstalt fehlten, erboten

sich in liebenswürdigster Weise die Herren Direktor a. D. Esau, Pfarrer Brühl und Pfarrer und Kreisschulinspektor Balzer, einige Stunden an unserem Realprogymnasium erteilen zu wollen, was von der hohen Behörde mit Freuden angenommen wurde. So verdanken es die Eltern unserer Schüler der Güte dieser Herren, dass ihre Söhne in dieser so schweren Kriegszeit keine zu grossen Lücken in ihrem Wissen durch Mangel an Lehrkräften und Unterrichtsstunden bekamen.

Den verehrten Herren spreche ich auch im Namen des Lehrerkollegiums an dieser Stelle für ihre treue Hilfe den herzlichsten Dank aus.

Rühmend zu erwähnen ist hier auch die selbstverleugnende Tätigkeit des Kollegen Dr. Gottschalk als Mitglied der Sanitätskolonne, die ihn, der 28 Unterrichtsstunden freiwillig über- nommen hatte, so viele Nächte in dem Kriegslazarett auf der Wilhelmshütte zu durchwachen nötigte.

Sonntag, den 15. November erhielt der Unterzeichnete von dem Pfarrer zu Staffel bei Limburg, Herrn Weygandt, ein Schreiben, welches die Trauerbotschaft enthielt, dass sein Sohn, unser vorjähriger herzlieber Kollege, Dr. Karl Weygandt, in Feindesland den Opfertod fürs Vater- land erlitten habe. In der Morgenandacht am 16. November gedachte Prof. Wehmeyer des früheren

Kollegen mit folgenden Worten:

Dr. Karl Weygandt ist als Offizierstellvertreter bei der 1. Kompagnie des aktiven Regiments Nr. 80 am 1. Novbr. d. J., morgens 8 Uhr, beim Sturm auf Le Quenois bei Roye 12 Meter vor der feindlichen Schanze gefallen, als er aus Deckung ging, um dem Kompagnieführer eine Meldung zu machen. Der Geburts- und Hochzeitstag seines hochbetagten Vaters, des wegen seiner tüchtigen theologischen Bildung und seiner edlen Weitherzigkeit im Nassauer Land berühmten Pfarrers Weygandt zu Staffel bei Limburg, ward der Todestag seines ältesten Sohnes. Dr. Karl Weygandt war an einem Sonntag geboren und starb an einem Sonntag; ein Sonntagskind auch darin, daß er, nachdem er in unzähligen Stürmen und Gefechten unverletzt geblieben war, einen schweren Todeskampf nicht zu bestehen hatte; er stürzte, von einer Gewehrkugel in die Seite getroffen, mit leisem Klageton zusammen, bettete sich noch etwas bequemer und regte sich dann nicht mehr. Die Leiche, dicht vor dem Feinde liegend, konnte tagelang weder von Freund noch von Feind geborgen werden; die Stelle, wo er fiel, war den Geschossen zu sehr ausgesetzt. Der als Held gefallene Kollege Weygandt hat nur ½ Jahr unserer Anstalt als Lehrer angehört. Aber in dieser kurzen Zeit haben wir ihn außerordentlich hochschätzen und lieben lernen. Er war ein kluger, geistig hochstehender Mensch, ein modern-wissenschaftlicher, exakter Naturforscher, ein klarer und tüchtiger Lehrer, ein Mann, der auf dem glatten Parkettboden in feinster Gesellschaft sich leicht und gewandt bewegte und mit Bauern und Tagelöhnern in der leutseligsten und herz- lichsten Art zu verkehren wußte. Denn er war nicht nur ein geistig bedeutender Mensch, er war auch ein guter, echtdeutscher, braver, biederer, offener und ehrlicher Charakter. Dazu ein Mann von köstlichstem Humor. Ein guter, dankbarer Sohn und ein treuer Bruder, auf den seine jüngeren Geschwister sich mal hätten verlassen können. Der Entschlafene hat wohl herausgefühlt, daß wir, die Kollegen, und die Gesellschaft ihm gut waren, ihn liebhatten. Unsere Liebe hat er mit unge- heuchelter herzlicher Gegenliebe gelohnt. Die Tage in Biedenkopf, dem herrlichenKurstädtchen hat er im Pfarrhause zu Staffel mündlich und in der Schützenlinie im Feindesland schriftlich in mehreren Karten und einem acht Seiten langen Brief an mich noch kurz vor seinem Tode die glücklichsten seines Lebens genannt. Auch von seinen Schülern hat er oft in Liebe gesprochen. So betrauern wir denn seinen Tod, durch den er den Seinen und uns, seinen Freunden, auf ewig