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Wenn nun nach dem Geſagten die einſeitige und deshalb unnatürliche Ausbildung des Kindes, wie ſie im Elternhauſe zumeiſt geſchieht, durchaus zu verwerfen iſt, ſollen denn die Kleinen in geiſtiger Beziehung ganz und gar ſich ſelbſt überlaſſen bleiben? Nichts weniger, als das! es wäre die dadurch unter allen Umſtänden herbeigeführte Sterilität des Geiſtes nur das andere Ertrem. Nein! Die Erziehung ſei eine ſolche, welche eine harmoniſche, geſunde Ausbildung zum Ziele hat und darum gleichweit entfernt bleibt von Vernachläſſigung auf der einen und Ueberſpanntheit auf der anderen Seite. Auf darum, ihr Eltern! nehmt eure Kinder mit euch hinaus in die Natur und ſucht, wann und wo ſich die Gelegenheit dazu bietet, ihre zarten Seelen zu erſchließen und ihre Körper zu ſtärken. Und dieſe Gelegen⸗ heit wird ſich ohne jede Abſichtlichkeit ergeben. Seid dabei nicht zu ängſtlich; zieht nicht immer erſt Thermometer, Barometer und wie dieſe Unſicherheits⸗ und Schreckensinſtrumente alle heißen, zu Rathe. Laßt ſie ſich friſch und fröhlich tummeln und erſchreckt nicht, wenn auch einmal die Strümpfe naß, die Hoſen zerriſſen, die Ohr⸗ läppchen geritzt ſind; es iſt dies jedenfalls beſſer oder doch weniger ſchlimm, als wenn ihr ihnen daheim im dumpfen Zimmer Bibelſprüche oder„Kernlieder“ einpauken laßt, oder ſie Complimenteymachen lehrt. Ich komme zur Schule. Hier machen ſich die Folgen der im Elternhaus begangenen Hauptfehler ſehr bald fühlbar. Natürlich! Ging Ueberreizung voraus, ſo hört unter 10 Fällen in 8 derſelben das widrige Gelahrtſein der ſechsjährigen Helden ungemein raſch auf. Es ſtellt ſich ein rapides Abfallen des Eifers, ein Erlahmen der Kräfte ein. Der Lehrer kann trotz angeſtrengteſter Aufmerkſamkeit nichts mehr entdecken von dem„kühnen Flug der Gedanken,“ welchen der Vater bei ſeinem Sohne ſtets bemerkt haben will.— Iſt vorher gar Nichts geſchehen, dann hat die Schule wieder ihre liebe Noth; es fehlen Anſchauungen nnd Begriffe von den allereinfachſten Sachen. In beiden Fällen aber wird gewöhnlich— und das iſt die unverſchämte Seite der Sache— der Schule die Schuld hingeſchoben. So ſehr ſie nun hier ein Vorwurf mit Unrecht trifft, ſo verdient ſie dieſen in anderer Beziehung ſehr wohl; auch fie begeht Mißgriffe aller Art, denn auch ſie läßt ſich Ueberbürdung des Kindesgeiſtes vielfach zu Schulden kommen. Oder iſt das kein Mißgriff, wenn man kaum ſechsjährige Kinder, deren zarte Organe noch ſo ſehr der Schonung bedürfen, zwingt, einem geordneten, ſtreng gegliederten, oft ſtundenlangen Unterrichte beizuwohnen? Führt es zu einer geiſtig und körperlich geſunden Entwickelung, wenn man die Jugend während der größten Zeit des Tages in den dumpfigen Schulzimmern förmlich gefangen hält? Ich habe an Anſtalten gewirkt, deren Schüler täglich ſieben Schulſtunden hatten, worauf unmittelbar zwei ſog. Klaſſen⸗Arbeitsſtunden folgten. Zu Hauſe warteten unterdeſſen, abwechſelnd an verſchiedenen Tagen, der Muſik⸗, der Zeichen⸗, der Turn⸗, oft auch der Tanzlehrer auf die mit einigen häuslichen Aufgaben, Strafarbeiten und Arreſtſtunden bedachten Schüler. Nehmt es doch ſelbſt wahr an euren Kindern! Betrachtet euch ihre bleichen Geſichter, ihre matten Züge in einem langen, kaum unterbrochenen Winterſemeſter, und ſeht dann, wie ſie in den Ferientagen förmlich aufblühen! Manche Lehrer gehen nun, früher Verſäumtes nachzuholen, ihren heiligen Eifer zu zeigen, oder, was wahrſchein⸗ licher iſt: ihre Collegen in Schatten zu ſtellen ſogar ſo weit, daß ſie auch während der Ferien noch Unterricht ertheilen. Das Unpädagogiſche eines ſolchen Gebahrens liegt klar auf der Hand. Auf den Unterricht ſelbſt will ich mich hier nicht näher einlaſſen; nur das möchte ich bemerken: Wenn ſich trotz aller angewandten Mittel kein natürliches Entwickeln und Fortſchreiten, ſondern vielmehr ein geiſtiges Stillſtehen im Allgemeinen, ein Erkalten in dieſer oder jener Disciplin zeigt, möchte da doch der Lehrer auch einmal in ſeinen eignen Buſen greifen und ſich fragen: Iſt die Art und Weiſe deines Unterrichts auch die richtige, d. h. eine ſolche, welche mit einer natürlichen Einfachheit und Klarheit zugleich eine friſche, lebendige Anſchaulichkeit verbindet und die allein im Stande iſt, Intereſſe zu erwecken, eine gegenſeitige Inſpiration zu vermitteln? Wie vielfach wird in dieſer Beziehung gefehlt!


