Jahrgang 
1870
Einzelbild herunterladen

4

rſcheinen mögen, in Bezug auf ihre Folgen ſind ſie ganz gleich; beide bewirken eine Störung des ſpirituellen und phyſiſchen Wohlbefindens, beide vertuſchen das Gemeingefühl.

Ich will verſuchen, in Nachfolgendem dies näher zu beleuchten und zugleich die Mittel anzuführen, welche zur Beſeitigung der Schäden dienlich erſcheinen.

I.

Die Zeiten des Fauſtrechts, der rohen Gewalt ſind glücklicherweiſe vorüber; auch der ſchale Dünkel, oft nur aus unverſchuldetem, ich möchte ſagenhereingebrochenem Beſitz hergeleitet, zieht nicht mehr. Es iſt etwas Anderes, was heutzutage den Menſchen zum Menſchen macht: das iſt die Bildung des Geiſtes und zwar die⸗ jenige, welche der Erſtrebung der indeellen und materiellen Wohlfahrt in gleicher Weiſe Rechnung trägt. Hier ſchützt weder ein Adel mit einem halben Hundert Ahnen, noch entſchuldigt der Einwurf, durch die niedrigſten Dienſte ſein Brod erwerben zu müſſen. Wenn uns die öſtreichiſche Criminalſtatiſtik einen Grafen aufführt, den man, ſeine Verbrechen zu tuſchiren, irre ſein läßt, und die preußiſche uns einengebildeten Holzhauer dagegen hält, welchen man um ſeiner Bildung willen an einen Spezialarzt für Geiſteskranke verweiſt, ſo ſind das be⸗ deutungsvolle Zeichen der Zeit. Es liegt eben in der Strömung dieſer Zeit; ſie fordert kategoriſch ihre Rechte. Schule und Leben ſtellen ſtets geſpanntere Anforderungen an den Menſchen und ſchon das Elternhaus, als Vorarbeiter für beide, glaubt und nicht mit Unrecht hier nicht zurückbleiben zu dürfen. Aber hier iſt auch einer der faulen Flecke gefunden; grade hier wird oft die erſte, folgenſchwerſte Sünde begangen.

Es müßte ſonderbar zugehen, wenn der Vater in ſeinem männlichen namentlich erſten Sprößling nicht ſchon den verkörperten Verſtand, den künftigenHeros in allen Dingen ſähe, die Mutter in ihrem Töch⸗ terchen nicht mit poſitiver Gewißheit eine Rivalin der Göttin der Schönheit und Anmuth erblickte. Was wird darum beſonders in ſog. beſſeren Klaſſen den armen Kleinen nicht ſchon Alles aufgebürdet und einge⸗ trichtert! Da müſſen denn hohle Phraſen förmlich einſtudirt werden, damit der Beſuch die Dingerchenäußerſt liebenswürdig, intereſſant und geiſtreich findet; da wird ſtatt des Schaukelpferdes möglicherweiſe ſchon das Einmaleins traktirt; da muß der Kleine dem Vater erſt auf Franzöſiſch rufen lernen, ehe die Zunge zu ſeiner Mutterſprache ſich ſtellt. Der Lehrer kommt kaum mehr aus dem Hauſe; man ſpart das Stundengeld lieber ſonſtwo.

Und welches ſind die Folgen? Beobachtet ſie doch ſelbſt an den bleichen Geſichtchen, an dem Schwinden des jugendlichen Frohſinns, der echten Kindlichkeit! Scheint es nicht, als ob an allen Punkten des armen Kör⸗ perchens das auf die Höhe geſchraubte Geiſteslichtchen herauslecken wollte? Kommt es Einem bei den hyperklugen Reden und Antworten mancher Kinder nicht vor, als ob dieſe ſchon einmal Männer oder Frauen geweſen wären und ſich plötzlich erinnert hätten, daß es zu den Regeln des Anſtandes gehöre, eine Jugendzeit wenigſtens nothdürftig durchlebt zu haben?

Hier muß nothwendigerweiſe Etwas faul ſein, denn das iſt wahrlich keine Geſundheit. So lange der Körper, der Leib als die Hülle, als die Wohnung der geiſtigen Seele betrachtet werden muß, ſo lange wird eine Treibhauscultur der letzteren ſich an dieſer ſelbſt und an ihrem Träger rächen. Möchte doch auch hier, wie überall, die Natur in ihrer Einfachheit und Wahrhaftigkeit, ſtets ohne Falſch, fern von aller Ueberſtürzung die große Lehrmeiſterin ſein! Das Bäumchen, das durch irgend welch' künſtliche Mittel zu früh, zu altklug blüht, es ſtellt ſich den Augen des oberflächlichen Beobachters gar wunderlieblich dar; allein der Tieferblickende weiß gewiß, daß in deſſen Innerem Etwas vorgeht, was man Krankheit nennt.