Jahrgang 
1870
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Ueber Geſundheitspflege in den Schulen. Reallehrer C. Blecker.

M. den Beſtrebungen des menſchlichen Geiſtes und deren Erfolgen auch nur einigermaßen ſeine Auf⸗ merkſamkeit zugewandt hat, der wird ſich geſtehen müſſen, daß ein enormer Fortſchritt ſeit ungefähr einem Menſchenalter auf allen Gebieten der Wiſſenſchaft und Cultur erzielt wurde. Die Naturwiſſenſchaften haben eine nie geahnte Höhe erreicht; die Technik leiſtet Erſtaunliches; Induſtrie, Handel und Verkehr ſtehen in hoher Blüthe.

Daß die Schule hier nicht zurückbleiben konnte, iſt klar; auch ſie wurde von dieſer allgemeinen Strömung mit fortgeriſſen. Sie hat ſich zwar in ihrer Haupt⸗ und Grundform als Volksſchule noch immer nicht jener bekannten liebewarmen Umarmung entwunden, ſie iſt noch immer die bleichwangige Tochter ihrer wohlge⸗ nährten, ſtets kampfbereiten Mutter; allein bei dem allgemeinen Ringen nach Vervollkommnung iſt auch ſie trotzdem nicht ſtehen geblieben, gewiß ein um ſo größeres Verdienſt. Höhere Schulen ſind in Maſſe entſtanden; die Lehrziele ſind erweitert, die Lehrmittel verbeſſert; die Lehrerbildung iſt eine andere geworden. Die ſegens⸗ reichen Folgen hiervon liegen klar auf der Hand.

Wenn es nun ſchon im Allgemeinen eine Regel der Klugheit iſt, von Zeit zu Zeit auch im friſchen, frohen Laufe einmal ſtille zu ſtehen, zurückzuſchauen und dann ſich über weitere Verfolgung des Zieles klar zu werden, ſo möchte ſich dies namentlich im Gebiete der Pädagogik empfehlen. Hier iſt das Verlangen nach rüſtigem Fortſchritt gewiß berechtigt, aber nirgends auch mehr die Forderung geboten, daß dieſer Fortſchritt ein natürlicher, ein geſunder ſei, nicht aber ein ſolcher, der das Eine kühn erſtrebt, während er das Andere läſſig zur Seite ſchiebt. Grade die Pädagogik hat die meiſten Verirrungen zu regiſtriren, grade ſie iſt am häufigſten aus einem Extrem ins andere übergeſprungen. Sollte es der Neuzeit mit ihrem rieſenhaften Aufſchwung allein vergönnt ſein, von dieſen Verirrungen befreit zu bleiben? Es hat nicht der Anſchein. Der Erzieher d. i. der Mann, welcher die Hinführung der Unmündigen zur freien Selbſtbeſtimmung kunſtgerecht, mit Bewußtſein beſorgt, er hat daher die heilige Aufgabe, jene Verirrungen aufzuſuchen und ſich mit den Mitteln zu deren Beſeitigung vertraut zu machen.

Welches wären denn nun aber ſolche Auswüchſe? Es iſt vor allen die disharmoniſche Ausbildung der beiden Hauptfactoren des zu erziehenden Individuums: des Körpers und der geiſtigen Seele und zwar die Be⸗ vorzugung der letzteren auf Koſten des erſteren. Sie wird bewerkſtelligt einestheils durch geiſtige Ueber⸗ bürdung anderntheils durch die Geſundheit und Kraft unſerer Jugend benachtheiligenden Schuleinrichtungen.

So verſchieden dieſe beiden Hemmſchuhe einer naturgemäßen Entwickelung für den erſten Augenblick auch