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Erkenntnis und Bekenntnis, Wort und That, Lehre und Leben zur Wohl- fahrt der Jugend immerdar in innigsten Einklang zu bringen.
Somit tritt zu der ersten Aufgabe des Gymnasiums, der Vermittlung von Kenntnissen durch Unterricht oder Geistesbildung, die zweite und noch viel wichtigere, die Vermittlung von Wissen zum Leben, d. h. die Pflicht der Erziehung oder der Einwirkung auf den Willen und das Herz.
Hier leuchtet nun als schönster Leitstern der erzieherischen Aufgabe der Schule voran die Pflege der Religion und des Sittengesetzes. Initium sapientiae timor Dei, die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang, sagt der Psalmist(111,10). Gotteserkenntnis und Gottesfurcht, Gottesliebe und Gottesverehrung, fromme Gesinnung und lauteren Lebenswandel, Glauben und Tugend zu wecken und zu fördern, kann das Gymnasium schon um deswillen nicht verab- säumen, als die erzieherische Thätigkeit der Schule alle Kräfte der Jugend umspannen soll und nichts in dem Masse unser ganzes geistiges und selbst leibliches Wesen in Anspruch nimmt als die Religion. Denn sie entfaltet sich vermittels der Vernunft zum sicheren Bewusstsein und wirkt vermittels des Gewissens als Sporn und Zügel auf die sittliche Gesinnung, auf den Willen und den Wandel des Menschen.
Dem gleichen Ziele strebt auch die weitere Aufgabe der Schule zu, die Er- ziehung zur Menschenliebe. Denn wie die Gottesliebe das erste und höchste Gebot, so ist das zweite diesem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Auf dem Boden echter Gottesliebe wächst die vorbehaltlose Schonung der Gefühle und Ueberzeugungen Andersdenkender, gedeiht jener Seelenadel der Toleranz, der bei aller Hochhaltung der eignen Ueberzeugung doch in jedem Mitmenschen ein Geschöpf Gottes sieht, nach seinem Ebenbilde geformt, das er achten, ehren, lieben, dem er dienen und helfen soll.
„Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!“ diese Worte des Dichters sind der Prüfstein des wahren Gottesgefühls ebenso wie der echten Menschenliebe.
Einen wesentlichen Teil dieser Menschenliebe und den schönsten zugleich bildet die Vaterlandsliebe, d. h. für einen Sohn deutscher Erde die Liebe zu Kaiser und Reich, zu Fürst und Volksgenossen. Und wahrlich, unser Gymnasium wäre unwürdig des Ehren- namens einer deutschen Schule, wenn das heilige Feuer der Vaterlandsliebe nicht mächtig lohte an seinem Herde immerdar. Wenn über dem Portale des platonischen Akademos- Gymnasiums zu Athen, einer Stätte griechischer Ideale, die Inschrift stand: Mudeis aeνέο uẽroyrog eioirw, Keiner trete ein, der Geometrie nicht gelernt, so soll über unserem Gymnasium, einer Stätte deutscher Gesinnung, der ernste Mahnspruch weithin leuchten: Mydeis aρα⁴⁵emνον eloir, Keiner trete ein, der sein Vaterland nicht liebt von ganzem Herzen!
Bedarf es auch für uns, die wir die glorreichen Tage von 1870/71 erlebt, noch der vorwurfsvollen Mahnung eines verklärten Dichtergenius:„Ans Vaterland, ans teure, schliess dich an, hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft!?“ Ist für uns noch ein wehmütiger Klageschrei die bange Frage des heissblütigen Patrioten:„Was ist des deutschen Vaterland!?“ Was unsere Freiheitssänger mit hinreissender Begeisterung erfleht, was unsere Freiheits- kämpfer mit ihrem Herzblut erstrebt, uns, den beglückten Enkeln, ist es mühelos zugefallen, ein deutsches Reich, den Kaiseraar auf seinen Zinnen!
„Doch was Du ererbt von Deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen!“ Die Herzenswärme deiner deutschen Muttersprache, der Märchenzauber deines deutschen Heimat- landes, der Ruhmesglanz deiner deutschen Heldenmären, der Feuerodem deutschen Geistes- und Gemütslebens, er sollte dich, deutscher Jüngling, Deutschlands Zukunft und Hoffnung, nicht.
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