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Die Quelle des Gehorsams ist die Ehrfurcht, seine Folgen die Liebe und das Vertrauen. Wo diese 3 fehlen, ist der Gehorsam äusserer Zwang, keine innere Nötigung. Drum fordern wir als drittes von Dir ehrfurchtsvolles und liebendes Vertrauen.
— Wir wollen Dein geistiges und leibliches Wohlergehen, warum solltest Du uns miss- trauen? Wir sind Deine treuen Führer und Berater fürs Leben, warum solltest Du uns fürchten? Nur wenn Du nicht unseres Geistes bist, wirst Du uns innerlich fern stehen und uns fliehen.
Drum, lieber Sohn, schenke uns Dein Herz und wir wollen in seinem Nährboden einsenken den triebkräftigen Keim der dreifachen Wunderblume des Wahren, Guten und Schönen!
Und nun zum Schlusse noch einige Worte an Sie, hochgeehrte Eltern und Amtsgenossen.
Das Vertrauen Grossh. Staatsbehörde hat mich auf diesen verantwortungsvollen Posten berufen, nach welchem mein Herz nicht verlangt. Vertrauen um Vertrauen setzend werbe ich um das Ihrige. Nehmen Sie mich auf in Ihre Mitte, nicht unter der ver- zehrenden Glut des Menschenunfriedens von Parteihoffnungen und Parteibefürchtungen, von unchristlichen Vorurteilen oder unedlen Anfeindungen, sondern unter dem kühlenden und labenden Schatten des Gottesfriedens der Schule, wo nicht das Trennende der religiösen, politischen und sozialen Gegensätze, sondern das Einigende der Gottes-, Menschen- und Naturliebe eine Stätte hat! Ein Freund der Gerechtigkeit, Redlichkeit und Wahrheit will ich Ihnen, hochverehrte Eltern, ein wohlwollender Berater und opferwilliger Helfer, und Ihnen, liebe Kollegen, ein ehrlicher Mitarbeiter und ein treuer Kamerad sein zum Wohle der uns anvertrauten Jugend und zum Segen unseres Volkes.
Zwar will zaghafte Bangigkeit mein Herz befallen beim Anblick des hehren Ver- mächtnisses, das mancher meiner Vorgänger im Amte mir zur Obhut und Mehrung hinter- lassen; aber das leuchtende Beispiel ihrer Thätigkeit und ihrer Persönlichkeit spornt mich zur Nacheiferung und die begeisternde Kraft des Erziehungswerkes, welches das Diesseits mit dem Jenseits, welches das Menschlich-Vergängliche mit dem Ewig-Göttlichen verbindet, lässt auch meine Blicke sich vertrauensvoll nach oben richten und den gnädigen Beistand desjenigen erhoffen, der das Wollen giebt und das Vollbringen.
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