Jahrgang 
1930
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handschriftlichen Jahresbericht, daß er die Bevölkerung auf die Wildgemüse hingewiesen und die ihrer Verwendung im Wege stehenden Vorurteile bekämpft habe. Die siegesgewisse Begeisterung der ersten Kriegsjahre weicht der Ergebung in das Schicksal, und der Bericht des Direktors von Ostern 1910 schlieſitt mit den Worten:Wir hoffen und wünschen, daß deutsche Art und deutsches Wesen unerschüttert aus den zersetzenden Einflüssen des Krie- ges hervorgehen werden.

Die Namen der ehemaligen Schüler, die mit dem Gefühl der Pflicht, ihre heimatliche Erde zu verteidigen, ins Feld gezogen waren, und ihr Leben für das Vaterland hingaben. sind auf der im Treppenhaus aufgehängten Tafel aufgezeichnet. Ihr Andenken zu ehren bitte ich Sie. sich von Ihren Plätzen zu erheben..

Die Nachkriegsjahre beendeten die wirtschaftliche und seelische Not noch nicht. In dieser schwierigen Zeit übernahm Ostern 1920 Direktor Reuter die Leitung der Schule. Der verdiente erste Direktor Prof. Dr. Karl Zimmer trat am 1. Oktober 1920 in den Ruhe- stand. Der Ausbau der Schule, den er schon 1912 ersehnt hatte. fiel seinem Nachfolger zu. Im Dezember 1021 erhielt die Stadtverwaltung von dem damaligen Landesamt für das Bil- dungswesen die Genehmigung, die Schule zur Vollanstalt auszubauen. Im Herbst 1922, als die Geldentwertung in schwindelnde öhen stieg., wurde der Anbau an der Westseite des Gebäudes begonnen und im Sommer 1923 vollendet. Die Ostern 1922 in die Unterprima auf- gestiegenen Schüler legten Ostern 1924 als erste Abiturienten die Reifeprüfung ab.

Nach siebenjähriger ersprießlicher, aufbauender Arbeit wurde Oberstudiendirektor Reuter Ostern 1927 an die Augustinerschule nach Friedberg berufen; in den Anfangsmonaten des Jahres 1927 hatte er bereits die Umwandlung der Ernst⸗Ludwig⸗Schule in ein Reformrealgymnasium vorbereitet. Die Umstellung wurde im Schuljahr 1927/28 mit den beiden Tertien unter meiner Leitung begonnen und ist inzwischen so weit vorgeschritten, daß Ostern 1951 die letzten Abiturienten der Oberrealschule abgehen.

Das sind in großen Zügen die äußteren Etappen, welche die Ernst-Ludwig-Schule seit ihrem Bestehen durchlaufen hat. In diesem Werdegang liegt für uns ein tiefer Sinn: die Ent- wicklung der Schule verkörpert den Richtungswillen unserer Zeit. Nicht als ob wir dem Tage und seinen wechselnden Launen nachjagten. sondern in der jetzt erreichten Gestalt der Schule sehen wir die Grundlage zur Verwirklichung wertvollster Ideen der Jugenderziehung. Das bedarf einer näheren Begründung:

Die Umwandlung unserer Anstalt fällt zusammen mit der Schulreform. Die Schule steht vor dem Leben und das Leben ist das Ziel, auf das sie vorbereiten soll. Ueberall macht sich das Streben geltend, die Kräfte des einzelnen Menschen in Selbsttätigkeit umzusetzen. Diesem berechtigten Wunsche kommt die Schule am besten entgegen, wenn sie das Wissen in Bereitschaftswissen wandelt, wenn sie weniger Wert legt auf eine möglichst umfangreiche Menge von Kenntnissen, sondern sich die Aufgabe stellt, bei ihren Zöglingen die Fähigkeit auszubilden, ein Problem richtig zu sehen und die günstigste Einstellung zu seiner Lösung zu finden. Wir wollen keine Wissenselefanten groRziehen, die zu einer selbständigen und auch ethisch wertvollen Entscheidung in einer schwierigen Lebenslage unfähig sind. Wir wol- len Menschen bilden, die den Aufgaben unserer Zeit gewachsen sind, die erkennen und wis- sen. daßt jede Zeit, jede Generation von besonderen Werten und Ideen erfüllt ist. die mit keinem Schema vergangener Epochen zur Reife zu bringen sind. Deshalb fordert die Schul- reform Arbeitsunterricht, Lebensnähe, Anschaulichkeit und praktische Betätigung; diese Grundprinzipien sollen wie ein Leitmotiv alle unterrichtlichen Maßnahmen begleiten und die ernste Wilhe der Jugend, soweit es die Zielsetzung erlaubt, in freudige und lustbetonte Arbeit verwandeln. Wer mit bester Kraft und Einsicht durch die neuen Gedanken sein ganzes pädagogisches und didaktisches Tun beherrschen und ordnen läßtt, wird auch Erfolge ernten, und niemals durch Wort oder Haltung im Zögling die Arbeitslust verkümmern: denn im Grundealle Arbeit, die man nicht freudig tut, ist beklagenswert(André Gide).

Diese Tendenzen, die nach den weltgeschichtlichen Begebenheiten der Jahre 191418 in allen Kulturländern die Erzieher der Jugend bewegen, lassen sich in dem neugeschaf- fenen Reformrealgymnasium, das weltzugewandt die lebenden Fremdsprachen der beiden anderen groſßten Kulturvölker in den Mittelpunkt des Unterrichts rückt, in höchstem Mafte verwirklichen.

Die Jugend verlangt nach einer Sinngebung, nach einem Wegweiser im Leben; beide