— 18— dann als erste Alleinschule in Hessen Ostern 1927 die Umbildung zum Reformrealgymnasium durchgeführt, die jetzt bis zur Obersekunda gediehen ist. In der raschen Aufwärtsbewegung, welche die Schule erlebt hat und durch die sie sich vor manchen Schwesteranstalten aus- zeichnet, spiegelt sich der Aufschwung und das Emporblühen der Kurstadt Bad=Nauheim wider.
Von den Herrn des Kuratoriums, welche die höhere Bürgerschule im Jahre 1905 ins Leben gerufen haben, sind nur noch die früheren Stadtverordneten Breidenbach und Lentz am Leben. Der Anreger und Hauptförderer in allen ihren Entwicklungsphasen, Herr Bür- germeister i. R. Dr. Kayser, ist am 21. März 1930 nach längerem Leiden von uns ge⸗ gangen. Die Verdienste des Verstorbenen um die Gründung und den Ausbau unserer Anstalt haben wir bei seinem Abschied vom Amte im Juni 1927 dankbar gewürdigt. Als eine seiner letzten Amtshandlungen vor seinem KRüccktritt setzte Dr. Kayser in der Stadtverordnetenversammlung die Umwandlung der Schule in ein Reformrealgymnasium durch. Damit hat die Ernst-Ludwig-Schule eine Form angenommen, die wohl längere Zeit für ihre weitere Ausgestaltung maßigebend sein wird.
Von wichtigen Daten aus der Geschichte der Anstalt seien erwähnt:
Bei der Griindung der höheren Bürgerschule Ostern 19005 übernahm die Stadt die private höhere Mädchenschule des Präulein Mathilde Lorenz. Von den Lehrern und Lehre- rinnen, die schon im ersten Jahre an der höheren Bürgerschule tätig waren, wirken heute noch an der Ernst-Ludwig-Schule Herr Professor Fuldner und Frl. Ella Graf.
Von Anfang an bestand Koedukation, die allerdings erst mit den Jahren bis zu der obersten Klasse Ila vordrang. Dem ersten Jahrgang mit Gemeinschaftsunterricht gehörten in Sexta 14 Knaben und 10 Mädchen an. Die Gesamtschülerzahl betrug 102. Ostern 1906 ver- schob sich das Verhältnis mit 21 Knaben und 18 Mädchen schon zu Gunsten des männlichen Geschlechts; Ostern 1907: 20 Knaben und 15 Mädchen: Ostern 1908: 24 Knaben und 0 Mäd- chen; Ostern 1900: 17 Knaben und 19 Mädchen: Ostern 1910: 18 Knaben und 11 Mädchen; Ostern 1920:30 Knaben und 24 Mädchen usw. bis Ostern 1950: 57 Knaben und 27 Mädchen.
Die Sexta wurde von Anfang an nach dem Realschullehrplan unterrichtet mit dem Ziele, den Ostern 1905 eingetretenen Knaben nach 6jährigem Schulbesuch die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Dienst zu erteilen. Ostern 1911 gingen die ersten Schüler mit dem Zeugnis der wissenschaftlichen Reife für den einjährigen Militärdienst ab. Im Jahre 1912 wurden die ersten Obersekundaner aus der Anstalt entlassen. Schon damals regte sich in dem äußerst rührigen und um das Wohl der ihm anvertrauten Schule unablässig besorgten Direktor Dr. Zimmer der Wunsch, daß die Schule in absehbarer Zeit auch instand gesetzt werde, ihre Zöglinge bis zur Universitätsreife zu führen.
Bei der Einweihungsfeier des neuen Gebäudes am 6. Januar 1900 teilte Direktor Dr. Zimmer in seiner Ansprache mit, daß der ehemal. Groſtherzog die Bezeichnung„Frnst- Ludwig-Schule“ für die Anstalt gestattet habe, oder wie es in dem Kurialstil jener verflos- senen Zeit hiefi,„den Namen Ernst-Ludwig-Schule gnädigst zu genehmigen geruht habe.“ Die Pläne für das Gebäude stammen von Herrn Baurat Schmidt, der auch die Bauausfüh- rung leitete.
Vom 1. April 1914 an wurde die höhere Bürgerschule in eine Großtherzogliche Real- schule verwandelt und in staatliche Verwaltung übernommen. Die ruhige Weiterentwick- lung, Wwelche durch diesen Ministerialbeschlußt für die Schule verbürgt wurde, erlitt durch die folgenden schweren Kriegsjahre eine jähe Unterbrechung. Zwar wurde auch während des Weltkriegs der Unterricht notdürftig aufrecht erhalten. Die weltbewegenden Ereignisse, die glänzenden Waffentaten unserer Truppen lösten Freude und Begeisterung in den empfäng- lichen Gemütern der Jugend aus, so daß die älteren Schüler über ihren Büchern erröteten und möglichst rasch auch hinaus wollten, um dem Vaterlande mit ihren jungen Kräften zu dienen. In solcher Stimmung fehlten die Ruhe und Besinnung, die für jede gedeihliche gei- stige Arbeit unentbehrlich sind. Den erschütternden Eindrücken, welche die Kriegsberichte Tag für Tag hervorriefen, verbündeten sich bald Sorge und Not, die unser Land durch die Abschnürung der ausländischen Zufuhr so schwer trafen. Die Jugend wurde in allen Din- gen zu Helfersdiensten herangezogen, die sie freudig und reinen Herzens erfüllte. Man liest mit Stolz und Wehmut die zahlreichen Maftnahmen, die zur Linderung der Nahrungsmit- telknappheit ergriffen wurden. Direktor Dr. Zimmer berichtet aus dem Jahre 1917 in einem


