Jahrgang 
1930
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kann man nur finden im Zusammenhang mit den die Jugend und unsere Zeit bewegenden Ideen. Wer seinen Geist in der jugend vornehmlich mit anuken Vorbildern durchtränkt, wird in der Gegenwart nicht weiter kommen. ja es besteht die Gefahr, daß er in eine Isolierung gerät, aus der er erst auf Umwegen zur lebendigen Erkenntnis der Erfordernisse der Gegenwart gelangt. Wie helfen wir durch die Erziehung die Zukunft zu sichern? Gegenseitiges Ver⸗ stehen der Volksgenossen und Verständigung mit anderen Völkern bilden die Grundlage für jede ersprießliche Entwicklung nach innen und aufßten. Ein neues Gemeinschaftsbe⸗ wußtsein regt sich und erstarkt, es umschlieftt alle Kreise des eigenen Volkes und die anderen Völker, es sucht die Klassen- und die Völkergegensätze zu überwinden und die Idee der Humanität auf alle menschlichen Verhältnisse und Beziehungen auszudehnen. Ohne Brücken und Verbindungen mit den anderen Nationen, ohne Vertrautheit mit den Re- gungen und Triebkräften der fremden Volksseele werden wir aus der Entfremdung der Völker nicht herauskommen noch jene Kultureinheit erreichen, die einst kriegerische Ausein- andersetzungen ebenso unmöglich macht, wie die äußtere Gewalt in dem Verkehr von Mensch zu Mensch schon in längst verklungener Zeit gewichen ist.

Die neue Schule will einen innerlich veränderten Menschen schaffen, einen freien Men- schentypus, für den die Selbstverantwortung das Gesetz seines Handelns ist. Zu diesem Ziele die Jugend hinzuleiten, mußt das eifrigste Bestreben der Erzieher schon in den frühen Ju- gendjahren der uns anvertrauten Zöglinge sein. Man hat mit gutem Grunde eine passivische und eine aktiv betonte Selbstverantwortung unterschieden. Bei der ersten Art suchen wir mit bestem Können eine von auften an uns gestellte Aufgabe getreu und gewissenhaft zu erfül- len. Sie eignet sich für die Jahre der Kindheit, für die Zeit der Gewöhnung an geistige Ar- beit. Aber mit dem Fintritt in das Jünglingsalter soll sie öfter durch die aktive Form, die Selbstinitiative, die freie Selbstentscheidung ersetzt werden. Dazu bietet sich in allen Unter- richtsfächern Gelegenheit, besonders auch in den Arbeitsgemeinschaften und in den Schüler- vereinigungen. Eine Aufgabe, die man erkannt hat und für die man die Kraft zu ihrer Lösung in sich empfindet. soll man aufgreifen, allen Widerständen zum Trotz. ohne sich um das Urteil der Welt zu kümmern. Die selbstverantwortliche Aktivität schafft, hilft und fördert, ohne auf eine Weisung von auften zu warten. Sie fragt auch nicht nach Lob und Lohn, sie findet Genüge in dem Gelingen ihrer Tat.

Neben diese Verantwortungsfreudigkeit bei eigener selbständiger Arbeit muß aber das Gefühl der Mitverantwortung treten. die Rücksicht auf die Mitmenschen, auf die Gesamt- heit, deren Glieder wir sind. Diese beiden Arten der Verantwortung in der heranwachsen- den Jugend zu wecken und als Richtlinien ihres Handelns mit auf den Lebensweg zu geben, ist das erzieherische Bemiühen der neuen Schule. Die besonderen Veranstaltungen, welche die Ernst⸗Ludwig⸗Schule in den letzten Jahren unternommen hat, sind auf die Verwirklichung der kurz geschilderten, in der Schulreform liegenden groſten Ideen gerichtet: Klassenaustausch, Internationale Ferienschule. Weihnachtsfeiern. Theaterauffiihrungen, Schülerorchester, Künstlerkonzerte, Schülerverwaltung beleben und beflügeln die Selbsttätigkeit der Schüler. wecken die Selbstverantwortung und halten die jungen Menschen an, aus echter Liebe zur Idee sich ehrlich zu miihen. Die künstlerischen und sittlich-religiösen Kräfte kom- men dabei neben der iberernährten Intelligenz zur Geltung.

Ich weiß wohl, daß die Wirklichkeit hinter dem vorgezeichneten Wunschbild zurück- pleibt, aber Ansätze zur Gestaltung der neuen Ideen sind zahlreich vorhanden: dem Pessi- mismus des Seins darf sich der Optimismus des Werdens beigesellen, und wenn die Schule die 50. Wiederkehr ihrer Gründung feiert, werden wir auf dem Wege der neuen Erziehung ein Stück weiter sein. Die Idee der Schulreform wird sich erst allmählich ganz durchsetzen, alle groſien Ideen brauchen Zeit zu ihrer Entfaltung, sie können selbst auf Generationen verschüttet werden, aber sie tauchen immer wieder auf. bis sie sich ihr Daseinsrecht erkämpft und schliefilich in das allgemeine Bewuſttsein als unabänderliche Gebote eingedrungen sind. Die Reform in der Schule anzuwenden und ihre hohen sittlichen Werte immer aufs neue zu

Ferproben, bleibt die Zukunftsaufgabe der Schule. Die Ideen der Schulreform stellen eine alle Erzieher und Lehrer verpflichtende Macht dar;denn um mit Wilh. v Bumboldt zu reden, wenn man auf die Dinge tätig einwirken kann, muß man es mit voller Kraft und immer nach Ideen tun. T 12

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