Jahrgang 
1930
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135.

faßten das Gedicht trotz seiner strophischen Einteilung als ein gedankliches Ganze und machten mit Recht geltend, daß die Musik von der Dichtung wesensverschiedene Aus- drucksmittel anwendet. Das Dramatische des gedanklichen Gehalts mußte musikalisch ausgedrückt werden. UIberzeugend ist das Schubert mit seiner Erlkönigkomposition gelungen. Das Urerlebnis der Sage von dem Erlenkönig ist bei Schubert in gleicher Fülle und Innerlichkeit empfunden wie in dem Goetheschen Gedicht. Und das muß ja wohl auch von dem Tonschöpfer verlangt werden: keine blasse Nachahmung mit dem Werkzeug der Töne, sondern eine elementare Kraft der Gestaltung aus dem Bereich, in dem das musikalische Genie sein Inneres entfaltet.

Der Gesangsvortrag von Frau Wally Kirsamer-Frankfurt a. M., der sich an die Darlegungen des Herrn Prof. Schmidt jedesmal anschloß, begeisterte die Zuhörer; durch die Schmiegsamkeit ihres Organs verlieh die Künstlerin den feinsten Nuancen des Gefühls sicheren Ausdruck. Die Wiedergabe des Erkönigs löste spontan lauten Beifall aus,

Auch das 5. Konzert am 4. November verfolgte didaktische Zwecke. Herr Dr. Joh. XKlinkmüller-Düsseldorf sang Balladen von Loewe, von Herrn Prof, Dr. Schmidt-⸗Friedberg am Klavier begleitet. Dem Gesang schickte Herr Dr. Klinkmüller den Sprechvortrag und einige erkläarende Deutungen über die Ausdrucksmittel des Komponisten voraus, soweit der begriffliche Gedanke überhaupt in die künstlerische Wirkungsspähre des Musikers eindringen kann.

Zu beiden Veranstaltungen hatten wir etwa 60 musikliebende und musikausübende Schüler und Schülerinnen der Berufsschule und der Stadtschule eingeladen. Herrn Prof. Dr. Schmidt sind wir zu Dank verpflichtet für die geschickte Anlage der Konzerte und die Gewinnung der KXünstler. Auch im nächsten Jahr hoffen wir der Jugend von Bad⸗ Nauheim wieder einige Xonzerte bieten zu können, aus denen sie Verständnis für das musikalische Schaffen und Liebe zu der Kunst der Töne schöpfen kann.

An einem Kursus für künstlerische Photographie, den der Bericht⸗ erstatter von Ostern bis zu den Sommerferien in 6 Doppelstunden abhielt, nahmen 14 Schüler der Klassen IIb Ila teil. Nach aufklärenden Bemerkungen über Apparatur, Aufnahmematerial, Entwicklung und Edeldruckverfahren besprach der Leiter ausge⸗ wählte Kunstphotographien, die mit Hilfe des Epidiaskops gezeigt wurden. Neben den heute vielfach als überlebt bezeichneten Motiven mit ihrer malerischen Gestaltung und ihrer gefälligen Tonabstufung lernten die Teilnehmer auch die kleinen Bildaus- schnitte der modernen Richtung(KRenger⸗Patzsch u. a.) kennen, die von einer scharfen. besinnlichen Naturbeobachtung ausgeht und dem Kamerafreund ein weites Feld neuer Betätigung erschließt.

Am 4. Juni besuchten die evangelischen Schüler der Oberklassen unter Führung der Herren Geistlichen die in der Dankeskirche veranstaltete Xusstellung neuer kirchlicher Kunst und hörten einen Vortrag des Herrn Professor Haupt über das gleiche Thema.

Am 3. September hielt der Physiker Liebetrau aus Bregenz vor den Klassen IIIa- la einen Experimentalvortrag mit flüssiger Luft. Am 23. September erläuterte der blindgeborene Schriftsteller, Herr F. A. Böhme-Düsseldorf, vor allen Klassen, mit welchen Hilfsmitteln die Blinden arbeiten müssen, um nicht ganz von der Kultur ausgeschlossen zu werden. Den Zweck des Vortrags, Nit⸗ gefühl und Verständnis für die des Augenlichts beraubten Mitmenschen bei der Jugend zu wecken, hat der Redner erreicht. UIber Java, die Sonneninsel, hielt am 19. Februar Herr Oberstudienrat Dr. Ph. Krämer⸗Darmstadt einen aus gründlicher eigener Kenntnis des Landes geschöpften Vortrag mit Lichtbildern.

Herr Dr. Haeberlin hielt am 24. Februar vor den Abiturienten einen Vortrag, in dem er in eindringlichen Worten hinwies auf die Verantwortung, die dem heranwachsen- den Menschen auferlegt ist, gegenüber den Versuchungen aller Art, welche das moderne Leben mit sich bringt und die den Organismus des Einzelnen, damit aber auch den späte- rer(denerationen in schwerster Weise schädigen. Wir haben die Freiheit der Wahl allen solchen Versuchungen gegenüber. Vielleicht der gefährlichste Feind ist daher der Alkohol, der uns durch die Beseitigung der inneren Hemmungen unmerklich diese Freiheit zu nehmen versteht. Waldt.