Jahrgang 
1929
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leiclit faßliche Erläuterungen in das Musikstück einführen. Das Nacherleben des musikalischen Kunst- werks wird immer an ein unwägbares Fassungsvermögen des Zuhörers gebunden sein, aber die Begriffsbildung der Musik ist außer durch rein ästhetische auch durch ganz exakte physikalische Erfordernisse festgelegt. Mit einem sehr langsamen Moll-Satz verbinden wir ohne weiteres das Ge- fühl der Trauer und Schwermut, und ein Dur-Satz im Allegro wird wohl in keinem normalen Höõrer ein anderes als das Gefühl des Frohsinns, der heiteren Laune erregen. Dies nur ein Beispiel, wie man auch bei nicht musikausübenden Schülern Verständnis und Teilnahme für das Musikwerk wecken kann.

Wir beabsichtigen im Laufe des nächsten Jahres einige auf Belehrung abgestimmte Konzerte zu veranstalten, und zwar wird Herr Oberstudienrat Prof. Dr. Karl Schmidt, dessen erfahrene künst- lerische Beratung uns zur Seite steht, im ersten Konzert Goethe in der Komposition behandeln. Es werden Goethelieder in Musikwerken des XVIII. und XIX. Jahrhunderts und dasselbe Lied in drei- bis vierfacher Vertonung erklärt werden. Zum Schlusse folgt dem Sprechvortrag der Gesangsvor- trag durch eine Sängerin.

Um auch den musikliebenden Schülern der Volks- und Berufschule unsere Konzerte zugäng- lich zu machen, haben wir die Herren Rektoren Staubach und Spielmann ersucht, ihre Schüler auf Wunsch zu den Konzerten zu beurlauben. Besonders würde es uns aber freuen, wenn auch die Eltern unserer Schüler und Freunde der Anstalt in größerer Zahl die Konzerte besuchen könnten. Sie werden selten gehörte Aufschlüsse über musikalisches Schaffen empfangen und sich durch ihre Teilnahme am besten über unsere Absichten ein Urteil bilden können.

Außerdem wurden den Schülern noch einige Vorträge belehrender und literarischer Art geboten: Herr Georg Bauer von Berlin-Schöneberg sprach am 16. Mai vor den Klassen IIb la über das Verfahren der Kupferstecher und Radierer. Der mit launigen Bemerkungen reich gewürzte Vortrag vermittelte den Schülern eine Vorstellung von den schwierigen und feinen Arbeiten, die der graphische Künstler bei seinem Werk zu bewältigen hat. Fräulein Maria Lehne aus Mainz hielt am 10. Januar vor den Klassen la- IIIa einen lehrreichen Vortrag über die Wirkungen des Alkohols und die Macht des Alkoholkapitals. Fräulein Ingeborg Münter aus Berlin-Ni- kolassee erzählte am 15. September 1928 vor den Klassen Sexta bis Untertertia und Obertertia bis Oberprima Märchen und Novellen von Andersen, Löns, Leander, Kyber und Reinheimer. Besonders eindrucksvoll waren die sinnreichen MärchenVom Sonnenstrahl, der sich eine Frau suchte, von Sophie Reinheimer undDer Tod und das kleine Mädchen von Manfred Kyber. Den ganzen Duft und Schimmer der zarten Poesie fing die Erzählerin in ihrer Wiedergabe auf und packte Herz und Gemüt der Jugend. Herr Kammersänger Dr. Heinz Schall hat am 16. Februar 1920 unse- ren Schülern und Schülerinnen eine unterhaltende und lehrreiche Stunde bereitet. Seine Volkslieder aus 7 Jahrhunderten mit Lautenbegleitung, die ansprechend vorgetragen wurden, gaben mit den ein- führenden Bemerkungen einen summarischen Ueberblick über die Entwicklung des Volksgesangs.

Herr Dr. Haeberlin sprach am 22. Februar 1920, vormittags 11 Uhr vor den Abiturienten über die Zusammenhänge einer sittlichen Lebensführung mit dem irdischen Glück, über die Ver- söhnung von Reinheit und Reife durch den sittlichen Willen. Am Abend des gleichen Tages erörterte er denselben Gegenstand in anderer Gestalt vor den Abiturientinnen. Zu beiden Vorträgen hatten sich auf unsere Einladung hin auch einige Väter und Mütter eingefunden. Für die verdienstvollen Bemühungen des Herrn Dr. Haeberlin sprechen wir auch an dieser Stelle noch einmal unseren ver- bindlichen Dank aus.

Theater: Einer Aufführung von SchillersDon Carlos im Gießener Stadttheater wohn- ten 16 Oberprimaner bei, einer Vorstellung von LessingsNathan der Weise 11 Schüler der Klassen laIIb in Begleitung des Herrn Dr. Steiger. Die Schülervorstellungen des Frankfurter Künstlertheaters für Rhein und MainMaria Stuart(8. Nov.) undMinna von Barnhelm(19. Februar) im Kurhaus besuchten 100 bezw. 80 Schüler aus den Ober- und Mittelklassen. Der Vor- sitzende der Bad-Nauheimer Volksbühne, Herr Amtsgerichtsrat Schneider, hatte dankenswer- terweise die Vorbereitungen für den Besuch der Vorstellungen durch die Nauheimer Jugend über- nommen.

DieDeutschen Puppenspiele aus Kassel gaben am 12. und 13. Juni in der Ernst- Ludwig-Schule ein Gastspiel. Für die Unterstufe wurdeDer gestiefelte Kater als Märchenoper gegeben; für die Mittel- und Oberstufe spielten die Künstler 3 Schwänke von Hans Sachs:Der Roß- dieb von Fünzing,Das Kälberbrüten undDas Narrenschneiden. Die Darbietungen waren vor- züglich und von beachtenswerter künstlerischer Prägung. Nach dem Bericht des Herrn Studien- rat Bertram, der sich auch um das Zustandekommen der Vorstellung bemüht hat.