Jahrgang 
1929
Einzelbild herunterladen

13

Schulbühne verbunden. Da geziemt es sich wohl, einige Worte über das Werk zu sagen, das jetzt glücklich vollendet ist und heute zum ersten Male vor Ihnen den Beweis für seine Brauch- barkeit und seine sinnvolle Bedeutung erbringen soll. Schon mein Amtsvorgänger, Oberstu- diendirektor Reuter, hatte die Absicht, eine kleine bewegliche Bühne ins Leben zu rufen. Aber die der Schule zur Verfügung stehenden Mittel reichten damals für die Durchführung des Pla- nes nicht aus. Unser Versuch im vorigen Jahre, durch die Stadtverwaltung die nötigen Gelder für die Bühne zu erlangen, scheiterte ebenfalls, da die Stadt durch die Fertigstellung des Biologie- saals bereits eine Sonderausgabe für die Schule auf sich genommen hatte. Auch in diesem Jahre wäre der Plan nicht auszuführen gewesen, wenn uns nicht einige glückliche Umstände zu Hilfe ge- kommen wären. Dazu rechnen wir besonders den englischen Sprachkursus des Herrn Dr. Mag- saam, der in weiten Schichten der Bevölkerung lebhaften Anklang gefunden hat. Die geringe Einschreibegebühr brachte unserer Anstalt doch einen ansehnlichen Betrag ein, der wenigstens zum Teil für den Bühnenbau verwendet wurde. Für die selbstlose Tätigkeit des Herrn Dr. Mag- saam im Dienste strebsamer Kreise der Badestadt haben wir also auch hier allen Grund dankbar zu sein. Wir wollen Ihnen die weitere Aufzählung der Quellen ersparen, aus denen die Mittel für die Bühne geschöpft wurden. Unvorhergesehene Verteuerungen haben den Voranschlag über- schritten, so daß wir Mühe haben, unseren Verpflichtungen nachzukommen. Der Opfersinn der Eltern und das oft bewährte und dankbar anerkannte Verständnis der Stadtverwaltung gegen- über den Erfordernissen der höheren Schule lassen uns hoffen, daß wir auch die finanziellen Schwierigkeiten, die jetzt noch bestehen, überwinden werden.(Alle Kosten mit zusammen RM. 2176,86 sind inzwischen gedeckt.)

Der Entwurf für die Bühnenanlage stammt von Herrn Baurat Metzger, Friedberg, der auch in freundlicher Weise mit den Meistern die Einzelheiten der Ausführungen wiederholt durchgesprochen hat. Ihm und Herrn Baurat Schmidt, der bereitwillig die Kostenvoranschläge aufgestellt und für die sonst notwendig gewordenen Aenderungen in der Turnhalle Sorge getra- gen hat, sind wir zu besonderem Dank verpflichtet. Unser Dank gebührt aber auch den rüh- rigen und geschickten Handwerkmeistern, die das Werk zu einem schönen Ende geführt haben, und zum Zeichen unserer Anerkennung haben wir sie alle zu dem heutigen Abend eingeladen, um auch ihnen die Freude über die wohlgelungene Arbeit im Rahmen des Ganzen zu verschaffen.

In dem von neuem Geiste getragenen Unterricht der Gegenwart ist der Eigentätigkeit des Schülers ein viel größerer Spielraum gelassen, als das in unserer Jugend der Fall war. Die Not- wendigkeit, sich selbst mit dem Stoff auseinanderzusetzen und in gemeinsamer Aussprache sich zu seiner klaren Erfassung durchzuringen, steigert die Denkkraft und die innere Anteilnahme an den Gegenständen des Unterrichts. Selbständige Menschen, welche den Fragen des Lebens und unserer Zeit mit offenen Augen und wachen Sinnen entgegentreten, wollen wir erziehen. Zu diesem Ziele soll auch die Schulbühne einen Weg weisen. Die Uebung in der freien Wechsel- rede, das völlige Aufgehen in der darzustellenden Person werden bei manchen Schülern, bei jün- geren und älteren, wertvolle Kräfte entbinden, die seither nicht geweckt werden konnten, wenig- stens nicht in dem Maße, wie es bei dem Besitz einer eigenen Schulbühne möglich ist.

Bühnendarstellungen jeder Art sind uns willkommen als ein bewußtes Gegengewicht gegen die Herrschaft des Intellekts, der fast den gesamten Unterricht inhaltlich ausfüllt. Die irrationalen Kräfte, die in der Seele des Menschen lebendig sind und in Kunst und Religion nach Ausdruck und Offenbarung streben, bedürfen ebenso der Weckung und Pflege wie das be- griffliche Denken der Vernunft. Dem Werden und Wachsen jener geheimnisvollen Regungen, die von dem Intellekt nicht durchleuchtet werden können, werden wir ebenfalls unser Bemühen widmen müssen, um Einseitigkeiten in der Ausbildung unserer Zöglinge zu vermeiden.

Der Sinngebung des Schulbesuchs der reiferen Zöglinge entspricht es, wenn sie auf alle Art ihren Geist üben und ihm Leistungen abringen, die edle Freude und Lust bereiten. Zur Verwirklichung dieser Empfindungen lädt die Schulbühne ein, und wir wünschen, daß unsere Schüler auch aus sich heraus von Zeit zu Zeit ein selbstgewähltes und selbst vorbereitetes Stück in Szene setzen; besonders von den älteren Schülern erwarten wir, daß sie dem lockenden Rufe folgen werden, jenen anderen Lockungen zum Trotz, welche die größere Freiheit in der neuen Schulordnung für manche in sich schließt.

Ein schöneres Weihnachtsgeschenk als eine Bühne läßt sich kaum für eine Schule denken. Sie wird heute mit der Aufführung des fünften Akts von GoethesIphigenie und dem Weih- nachtsspielChristophorus ihrer Bestimmung übergeben, und wie der Inhalt der beiden Stücke den Zuhörer in die Sphäre der reinen Menschlichkeit und der ewigen Sehnsüchte emporfüh-