Jahrgang 
1906
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Schulnachrichten.

lI. Zur Geschichte der Anstalt.

In Bad-Nauheim bestand schon lange eineHöhere Privatschule für Mädchen, zuletzt unter der Leitung der Vorsteherin Fräulein Mathilde Lorenz. Seitens der Stadt erhielt diese Anstalt eine jährliche Unterstützung von 1500 Mark. Aber schon seit Jahren und zuletzt in stetig sich steigerndem Masse regte sich in unserem freudig aufstrebenden Bade das Bedürfnis und das Bestreben, seitens der Gemeinde eine eigene höhere Lehranstalt, d. h. eine solche von öffentlichem Charakter und von selbständiger Stellung zu gründen. Auch sah man klar ein, dass in der Bewohnerschaft von Bad-Nauheim, in den vielen dort ansässigen Aerzte- und Beamten- familien und in der Bevölkerung der nahegelegenen Gemeinden die Bedingungen zur gedeihlichen Entwickelung einer höheren Schule gegeben seien. Es ist ein rühmliches Zeichen für die städtische Verwaltungsbehörde, sowie im allgemeinen für die Bewohner unserer Stadt, dass sie mit frischem Mut bereit waren, unter grossen Opfern eine höhere Bildungsanstalt für ihre Kinder ins Leben zu rufen. Doch erst mit Beginn des Jahres 1905 nahmen diese Pläne eine feste und greifbare Gestalt an, und dies geschah ausdrücklich durch das zielbewusste Auftreten und Vorgehen des Herrn Bürgermeister Dr. Kayser im Verein mit seinem Stadtvorstand. DieHöhere Privat- schule für Mädchen ging in die Hände der Stadt Bad-Nauheim als Höhere Bürgerschule über, und die nötig gewordenen Verhandlungen zwischen der Stadt und der hohen oberen Schulbehörde gestatteten, die neue Anstalt bereits zu Ostern 1905 zu eröffnen. Ueber die zu wählende Form der Schule hatten sich die Ansichten erst allmählich geklärt; anfangs dachte man an die Grün- dung einer höheren Mädchenschule; doch schien es bald im Interesse der hiesigen Bevölkerung, um den Knaben und Mädchen in ihrer geistigen Ausbildung gleichzeitig Rechnung zu tragen, als wünschens- und erstrebenswerter, eine sogenannteHöhere Bürgerschule zu begründen, wie solche, im wesentlichen auf der Grundlage des allgemeinen Realschullehrplans, bereits in vielen Städten unseres Grossherzogtums in fruchtbarer Entwicklung stehen.

Um die Elternkreise über unsere neue Schule, ihre Aufgabe, Einrichtung und ihren Lehr- plan näher aufzuklären, sei hier in kurzen Umrissen folgendes bemerkt:

Unsere Höhere Bürgerschule gibt eine abgeschlossene, über das Ziel der Volksschule hinausgehende Bildung und ist zugleich eine Vorbereitungsanstalt für den Besuch der höheren Schulen, insbesondere für die Realanstalten und die Lehrerinnenseminare in Darmstadt und Mainz. Um diese Aufgabe voll und ganz erfüllen zu können, wurde sie gleich bei Beginn als 7stufige Lehranstalt eingerichtet und zwar so, dass diese 7 Jahresklassen bis auf die 2 obersten, die in den Nebenfächern und auch in einigen wissenschaftlichen Fächern vereinigt sind, getrennt unter- richtet werden. In den kombinierten Stunden dieser beiden Klassen wird zwischen einem Turnus I und II, deren Stoffverteilungsplan genau festliegt, jährlich gewechselt, so dass einerseits die Schülerinnen keine Wiederholungen haben, andererseits das für die Schule vorgeschriebene Pensum nach Absolvierung der beiden obersten Klassen vollständig erledigt ist.