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größte Gewinn, den uns dieſer Krieg gebracht— war während desſelben das deutſche Kaiſerthum wieder errichtet worden. 64 Jahre lang hatte Deutſchland ein perſönliches Oberhaupt gefehlt, und dieſe Zeit war eine Zeit fort⸗ währender Zerſplitterung, gegenſeitiger Beargwohnung und allgemeiner Schwäche geweſen. Das ſollte nun anders werden; die Einigung der deutſchen Stämme, die der Krieg herbeigeführt, ſollte eine dauernde, für alle Zeiten blei⸗ bende ſein; die Sehnſucht des deutſchen Volkes nach einem Oberhaupt, die ſich in der alten Barbaroſſaſage ſo rüh⸗ rend ausgeſprochen, ſollte geſtillt werden. Zwar kein Rothbart beſtieg den Kaiſerthron, ſondern ein Weißbart, aber ein Greis nur an Jahren, ein rüſtiger Mann noch an Willensſtärke und Thatkraft. Darum jubelte ihm denn bei ſeiner Heimkehr ſein dankbares Volk in Begeiſterung entgegen, und nie wohl iſt ein Herrſcher bei ſeiner Thronbeſtei⸗ gung von einem ganzen, großen Volke ſo willkommen geheißen worden, als Wilhelm von Preußen, da er den ver⸗ waiſten deutſchen Kaiſerthron beſtieg und damit die Verpflichtung übernahm, Deutſchlands Einheit und Freiheit fort⸗ an gegen jeden Feind zu ſchützen und des deutſchen Volkes Wohlfahrt in jeder Beziehung zu fördern.
Und dieſe Anhänglichkeit an unſern Kaiſer Wilhelm dauert auch noch heute in den Herzen aller Derer fort, die das Vaterland wahrhaft lieb haben und den Unterſchied zwiſchen ſeiner gegenwärtigen und früheren Lage und Stellung zu würdigen wiſſen. Aber freilich, es gibt auch Menſchen in Deutſchland, die anders denken, ſonſt wären dem edlen Heldengreis die traurigen Erfahrungen dieſes Sommers erſpart geblieben. Zweimal nänlich haben ver⸗ worfene Schandmenſchen die Mörderhand gegen ihn ausgeſtreckt, um ſeinem Leben ein jähes Ende zu bereiten. Und beidemal haben, wenn nicht alle Anzeichen trügen, auch noch andere Böſewichter um das Vorhaben dieſer Elenden gewußt und es gebilligt. Sicherlich aber dürfen wir annehmen, daß die teufliſche Abſicht dieſer Mordgeſellen nicht ſowohl der Perſon des Kaiſers gegolten hat, als vielmehr ſeiner Stellung und den Principien des Rechts, der Ordnung und der Zucht, die er zu handhaben berufen iſt und auch bisher mit ſtarker Hand aufrecht erhalten hat.
Und ſo ſtehen denn wir, die wir treu zu Kaiſer und Reich halten, auf einmal einem innern Feind gegen⸗ über, der nicht weniger gefährlich iſt, als jener äußere Feind, welchen unſere Söhne und Brüder im glorreichen Jahre 70 mit ſtarker Fauſt niedergeſchlagen haben. Darum ergeht denn aufs Neue der Mahnruf an uns: Seid einig, einig, einig! Und wenn dieſer Ruf von Allen vernommen und beherzigt wird, die Deutſchland wahrhaft lieben, die mit der Freiheit auch die Ordnung wollen, die einer Tyrannei von unten ebenſowenig wie einer ſolchen von oben das Wort reden und die eine ruhige, geſetzliche Fortbildung unſrer ſo ſchön begonnenen ſtaatlichen Entwicklung, nicht aber einen wilden ſtürmiſchen Umſturz alles Beſtehenden und Wohlberechtigten für unſre Aufgabe halten; wenn jeder brave Deutſche ſich verpflichtet hält, durch ſein aufklärendes und belehrendes Wort die, welche ſich zu den verderb⸗ lichen Grundſätzen jener Frevler hinneigen, auf die Bahn des Rechts und der Vernunft zurückzuführen und, wenn dies nichts helfen ſollte, die Reichsregierung in ihrem ſchweren Kampfe gegen die verbrecheriſchen Theorieen und Be⸗ ſtrebungen ſolcher Umſturzmänner nach Kräften und Beruf unterſtützt: dann, glaube ich, wird der Kampf gegen den neu erſtandenen inneren Feind des deutſchen Reiches bald zu einem ebenſo glücklichen Ende geführt werden, wie der Kampf gegen den äußern Feind im Jahre 1870, und wir werden neu geſtärkt und feſter vereint auch aus dieſer⸗ Prüfung hervorgehen.
Darum laſſet uns denn am heutigen Tag, der uns aufs Neue ins Gedächtniß zurückruft, was im Jahre 70 der vereinten Kraft von ganz Deutſchland gelungen iſt, das erneuerte Gelübde ablegen, daß wir feſt und treu zu Kaiſer und Reich halten wollen. Mag uns dann die Folgezeit bringen, was ſie will, wir ſtehen feſt zuſammen als Glie⸗ der einer großen Familie, die Freud und Leid gemeinſchaftlich tragen und nie das Vertrauen auf eine beſſere Zu⸗ kunft verlieren, wenn auch bisweilen Zeiten eintreten, von denen wir ſagen müſſen: ſie gefallen uns nicht.
Dieſe Treue gegen Kaiſer und Reich gelobe aber auch in deinem Innern hauptſächlich Du Dir, meine liebe Jugend, die ich ſo zahlreich hier verſammelt ſehe. Euch, Ihr Knaben und Jünglinge, fällt einſtens, wenn Ihn Männer geworden, die Aufgabe zu, das, was Eure Väter und Brüder im Jahre 70 im tapferen Streite errungen haben, zu erhalten und unverſehrt auf die ſpäteren Geſchlechter zu übertragen. So gelobet Euch denn, daß Ihr dieſe Er⸗ rungenſchaften bewahren und feſt zu Kaiſer und Reich ſtehen wollt Euer Leben lang; und wenn Euch einſtens viel⸗ leicht ein Verführer nahen und Euch durch trügeriſche Verlockungen und Verheißungen von dieſer Treue abwendig machen wollte, ſo dreht ihm mit Verachtung den Rücken und gedenkt des heutigen ſchönen Feſtes und der Vor⸗ ſätze, die Ihr an demſelben gefaßt habt. Dann wird neue Liebe zu dem Vaterlande Euer Herz erwärmen, und Ihr. werdet Euch aufgefordert fühlen, demſelben durch Euer Verhalten allezeit Ehre, uiemals aber Schande zu machen.
Unſern vielgeliebten Kaiſer aber wolle Gott auch ferner in ſeinen Schutz nehmen; er wolle ihm bald ſeine volle Geſundheit wieder ſchenken und ihn noch eine Reihe von Jahren auf ſeinem Throne erhalten, damit ſich die ſchlimmen Eindrücke dieſes Sommers allmählich in ſeiner Erinnerung verwiſchen und er noch vieler Beweiſe der dankbaren Anhänglichkeit des deutſchen Volkes ſich erfreuen könne. Dieſem Wunſche laſſet uns einen lauten Ausdruck
geben, indem wir rufen: 1 Hoch lebe unſer Kaiſer Wilhelm!


