Jahrgang 
1879
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21.

lirung ihnen nur den ſicheren Untergang bereiten würde. Und ſo erlebten wir denn im Sommer 1870 das erhebende Schauſpiel, daß unſer ganzes Volk in nie geſehener Eintracht ſich erhub, um der brutalen Herausforderung Frank⸗ reichs kühnen Muthes entgegen zu treten. Die Jünglinge und Männer eilten zu den Fahnen, die Frauen und Jungfrauen ſorgten für Verbandzeug und die Jugend auf den Straßen ſang die Wacht am Rhein. Ja Alle, Alle kamen einmüthigen Herzens und bereit, Gut und Blut für das Vaterland dahin zu geben.

Und ſolcher Einmüthigkeit, die zugleich auch der umſichtigſten und beſonnenſten Leitung nicht entbehrte, fehlte auch der erwünſchte Erfolg nicht. Wie eine eiſerne Mauer ſtellte ſich die deutſche Armee dem kecken Vordrin⸗ gen der Franzoſen gegen den Rhein entgegen, und kaum, daß ſich die beiderſeitigen Heere nur einander anſichtig geworden, erſchollen auch die Nachrichten von den glänzenden Siegen, welche die deutſche Tapferkeit und Kriegstüch⸗ tigkeit über den hochmüthigen und prahleriſchen Feind erfochten hatte. Die Namen Weißenburg, Wörth, Spichern, Mars la Tour, Gravelotte ſind ebenſo viele ruhmreiche Denkſteine, die für alle Zeiten das ehrendſte Zeugniß für die unübertreffliche Bravour der deutſchen Armeen und für die ausgezeichnete Führung, deren ſie ſich zu erfreuen hatte, bleiben werden..

Aber trotz der Ströme von Blut, die bereits gefloſſen, trotz der thränenreichen Opfer, die bereits gebracht worden, war das Ende des furchtbaren Dramas mit dem 18. Auguſt, der den glänzenden Sieg bei Gravelotte be⸗ zeichnet, noch nicht gekommen. Zwar die eine Hälfte der franzöſiſchen Armee war in die mit einem eiſernen Gürtel umzogene Feſtung Metz eingeſchloſſen, aber die andere ſtärkere Hälfte ſtand noch größtentheils unverſehrt im Felde, und man mußte darauf gefaßt ſein, in dem Herzen Frankreichs, dort auf jener weiten Ebene, wo ſchon einmal in grauer Vorzeit der Oſten und Weſten Europas in gewaltiger Völkerſchlacht einander gegenüber geſtanden, mit ihr zum großen Entſcheidungskampf zuſammen zu treffen.

Aber ſiehe da, als die vom Kronprinzen von Preußen geführte Armee in der Gegend von Chalons ankam, fand ſie das dort errichtete feindliche Lager verlaſſen. Das franzöſiſche Heer hatte ſich nach Norden gegen die Maas gewendet, um dann, nach rechts abſchwenkend, nach Metz hin zu ziehen, die deutſche Cernirungsarmee zu durchbre⸗ chen, den in der Feſtung eingeſchloſſenen Kameraden die Hand zu reichen und dann mit vereinter Macht der deut⸗ ſchen Armee entgegenzutreten. Aber kaum hatte die Ausführung dieſes abentheuerlichen Planes begonnen, ſo war er auch von den Führern unſrer Heere durchſchaut und ſeine Vereitelung vorbereitet. Nur wenige Tage bedurfte es, da rückten von allen Seiten unſre Heerſäulen heran, drängten den vorrückenden Feind von ſeiner Marſchroute ab und warfen ihn in das Thal der Maas hinein, wo es denn in den Tagen vom 30. Auguſt bis 1. September bei der kleinen Feſtung Sedan zu jener furchtharen, blutigen Entſcheidungsſchlacht kam, deren Gedächtnißtag wir heute feiern. Wäre es dem Marſchall Vorwärts vom Jahre 1813 vergönnt geweſen, dieſer Schlacht noch einmal beizu⸗ wohnen, ſo wäre er am Ende derſelben wohl in dieſelben Jubelworte ausgebrochen, die er im Jahre 1815 nach der Schlacht bei Waterloo nach Haus ſchrieb:Die ſchönſte Schlacht iſt geſchlagen, der herrlichſte Sieg erfochten, ich denke, die Bonaparte'ſche Geſchichte iſt vorbei..

Ja, die Bonapartiſche Geſchichte war zum andernmal vorbei. Faſt die ganze noch übrige franzöſiſche Armee, 84,000 Mann mit 2866 Offizieren, 10,000 Pferden und einem unzähligen Heergeräthe, mußte ſich in die Kriegsge⸗ fangenſchaft ergeben, und Napoleons Thron, auf Verbrechen gegründet, brach mit Schande zuſammen. Vernichtet von dem gräßlichen Schauſpiel, das während der drei grauſigen Tage an ſeinen Augen vorübergezogen, verflucht von ſeinen Soldaten und nur auf ſeine eigene Rettung bedacht, verließ der geſtürzte Kaiſer in der Frühe des 2. Septembers mit wenigen Begleitern Sedan, eilte hinaus zu den deutſchen Linien und übergab ſeinen Degen dem ruhmreichen Führer der deutſchen Heere, König Wilhelm von Preußen, unter deſſen perſönlicher Führung die ver⸗ ſchiedenen Abtheilungen der deutſchen Streitmacht den glorreichen Sieg erfochten hatten. Das war das welthiſtoriſche Ereigniß, deſſen Andenken wir durch unſre heutige Feier erneuern wollten.

Die Schlacht bei Sedan endigte ſreilich den gewaltigen Krieg noch nicht; aber wie ſie der Höhepunkt deſſelben war, ſo war ſie auch der Anfang vom Ende. Denn die Fortſetzung des Kampfes, die nun noch folgte, obgleich ſie noch 5 Monate dauerte und unſrer Armee noch unerhörte Anſtrengungen und große Opfer auferlegte, war doch nur eine Reihenfolge glänzender und ruhmreicher Siege, die das Schickſal Frankreichs immer unabänderlicher beſiegelten. End⸗ 5 nnuhte ſich dasſelbe für beſiegt erklären und ſich den Friedensbedingungen unterwerfen, die ihm der Sieger auferlegte.

Jetzt erſt brach der Tag an, an welchem unſre ruhmbedeckten Brüder in Waffen in die Heimath zurückkehren konnten. Und was ſie mitbrachten, war der gebrachten Opfer, ſo ſchwer ſie auch für den Einzelnen waren, wahrlich werth. Zunächſt brachten ſie mit das ſtolze Bewußtſein, das Vaterland vor all der Bedrängniß bewahrt zu haben, die ihm der übermüthige und gewaltthätige Feind, wenn er Sieger geblieben wäre, ſicherlich bereitet haben würde; dann die Gewißheit, daß das Nachbarvolk im Weſten, das ſo oft ſiegreich über den Rhein gegangen, fortan an dem geeinten Deutſchland einen nicht nur ebenbürtigen, ſondern ſogar überlegenen Gegner gefunden; ferner zwei Provin⸗ zen, die einſt zur Zeit unſrer Schwäche Frankreich von Deutſchland losgeriſſen hatte; endlich und das war der