. Anhang.
Rede des Zirektors bei der Frdanfeier am 2. September 1878.
Geehrte Feſtverſammlung! Deutſche Brüder und Schweſtern!
Aus dem Alterthum wird uns berichtet, daß das in ſo vieler Beziehung über alle Völker der Vorzeit her⸗ vorragende Volk der Griechen, nachdem es in ſeinem ruhmreichen Kampfe gegen das übermächtige Weltreich der Perſer ewig denkwürdige Siege zu Waſſer und zu Land erfochten, das Andenken an dieſelben Jahrhunderte lang wach erhielt durch allgemeine Volksfeſte, die an den Erinnerungstagen jener glorreichen Siege veranſtaltet wurden. Man begab ſich in feſtlichen Zügen auf die Kampfplätze, bekränzte die Denkmäler der Gefallenen, hielt begeiſterte Reden zu ihrer Ehre, führte fröhliche Geſänge und Reigen auf und ſtellte Wettkämpfe an, um Männer und Jünglinge immer auf's Neue daran zu erinnern, daß ſie all ihre Kräfte in den Dienſt des Vaterlandes ſtellen und wenn es Noth thue, ſelbſt das Leben demſelben zum Opfer zu bringen bereit ſein müßten.
Eine ähnliche Feier, geſtern Abend ſchon eingeleitet durch das Freudenfeuer auf unſerm Wartberge und heute Morgen weithin verkündet durch den feierlichen Klang unſerer Glocken, hat uns hier verſammelt, meine Freunde. Denn wir ſind ja hierher gekommen in feierlichem Feſtzug, um das Andenken an den 2. September zu feiern, der ſeit dem Jahre 1870 ein Ehren⸗ und Freudentag des deutſchen Volkes geworden iſt und es bleiben wird, ſo lange die Liebe zum Vaterlande in den Herzen deſſelben nicht erloſchen iſt.
Was aber die Bedeutung des 2. Septembers ſei, das näher darzulegen, ſollte man kaum für nöthig halten. Und doch ſcheint in unſrer raſch lebenden, ſtets neue und überraſchende Ereigniſſe bringenden Zeit bei Manchen das Andenken an die Vorgänge der Jahre 70 und 71 bereits erbleicht zu ſein, und es dürfte darum wohl am heutigen Tage nicht unpaſſend ſein, die Erinnerung an dieſelben wiederum aufzufriſchen und die Wirkungen näher in's Auge zu faſſen, die ſolche Rückerinnerung auf uns äußern ſollte. Und darum lade ich Sie denn ein, verehrte Anweſende, ſich in Gedanken einige Augenblicke mit mir in den Sommer des Jahres 1870 zu verſetzen und die Ereigniſſe, die derſeibe für uns mit ſich brachte, an unſerm Gedächtniß vorüberziehen zu laſſen.
Da tritt uns denn auf der Schwelle jenes Sommers das zu allen Zeiten die Menſchenherzen tief erregende, bei den Einen Angſt und Schrecken, bei den Andern Thatkraft und Begeiſterung weckende Wort„Krieg“ entgegen, welches damals wie ein Blitz aus heiterer Höhe in unſer deutſches Vaterland hineingeſchleudert wurde. Und zwar kam dieſes Wort von derſelben Seite her, von welcher Deutſchland ſeit Jahrhunderten ſo viel Drangſal und Schmach, ſo viel Gräuel und Verwüſtung, ſo viel Elend und Jammer hatte erleiden müͤſſen, Drangſale, die niemals aus dem Gedächtniß unſres Volkes verſchwinden werden und ſelbſt, wenn die Menſchen davon ſchweigen wollten, durch die beredte Sprache dieſer Ruine und vieler ähnlichen in unſerm geſegneten Rheinlande immer aufs Neue in unſere Erinnerung zurückgerufen werden würden. Ja, der Ruf„Krieg“ kam auch diesmal von Frankreich her; aber nienals zuvor kam er unter ſo nichtigem Vorwand und mit ſo frevelhafter Verhöhnung der unter gebildeten Völkeen beſtehenden Formen des internationalen Anſtandes, als im Jahre 70. Es war eben der geheime Groll über die in Deutſchland ſich ſeit 1866 immer mehr vollziehende Einigung der deutſchen Stämme und das Emporwachſen der norddeutſchen Vormacht, der die franzöſiſche Eitelkeit und Herrſchſucht nicht zur Ruhe kommen ließ, und darum wurde die Gelegenheit vom Zaune gegriffen, um Deutſchland mit Krieg zu überziehen, die Schöpfungen des Jahres 66 zu zertrümmern und das linke Rheinufer wieder dem franzöſiſchen Kaiſerreiche ein⸗ zuverleiben.
Aber, Gottlob, in Deutſchland war inzwiſchen Vieles anders geworden, als zur Zeit des erſten Napoleons, der die eine Hälfte der Deutſchen an ſeinen Siegeswagen gefeſſelt, um mit ihrer Hülfe die andere Hälfte bis zur Unbedeutendheit herabzudrücken. Die Saat war aufgegangen, welche große Staatsmänner und Geſchichtsforſcher, Dichter und Sänger in die Herzen unſces Volkes ausgeſtreut; die Idee eines einigen deutſchen Vaterlandes, für das ſo viele Märtyrer ſeit einem halben Jahrhundert gekämpft, geduldet, geblutet hatten, hatte in allen Schichten des Volkes Wurzel geſchlagen, und auch die Fürſten auf den Thronen hatten einſehen gelernt, daß die frühere Iſo⸗


